April 20

Ist der Mensch eine Bestie?

Im Mai 1960 wird in Israel der Prozess gegen NS-Verbrecher Adolf Eichmann gemacht. Eichmann war für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden in Europa zuständig und letztendlich mitverantwortlich für deren Ermordung. Die Philosophin Hannah Arendt war während des Prozesses im Gerichtssaal anwesend und berichtete darüber. Hierbei fiel ihr auf, dass Eichmann weder ein Sadist, noch ein Psychopath oder ideologischer Fanatiker sei. Vielmehr kam er ihr vor wie ein „ganz normaler Mensch“, der sich trotz seiner grausamen Taten nicht großartig von seinen Zeitgenossen unterschied. Wie kann es sein, dass scheinbar normale Menschen zu Mördern und Folterknechten werden? Können auch wir zu einer Bestie, einem bösen mordenden oder folternden Monster werden?

Hängt der Fall Eichmann möglicherweise damit zusammen, dass die Gesellschaft im Nationalsozialismus ganz anderem Druck ausgesetzt war als wir heute? Sicherlich, damals herrschte Krieg. Die Menschen wussten zum Teil nicht, ob sie den nächsten Tag überleben würden, mussten sich bei Bombenangriffen im Keller verbarrikadieren und um Angehörige an der Kriegsfront bangen. Hinzu kam die NS- Führung, die den Alltag der Menschen diktierte und wenig Freiheiten ließ. Die Menschen hatten also ständig Angst, wurden „dazu gebracht“ den eigenen Verstand nicht mehr zu nutzen und stattdessen Befehle von Autoritäten zu befolgen.

Der bekannte Psychologe Stanley Milgram beschäftigte sich erstmals in den 1960er Jahren damit, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, wenn sie wissen, dass sie anderen Schmerzen zufügen. Diese Frage untersuchte er mit dem Schwerpunkt „Gehorsam gegenüber Autoritäten“.

Wer es nicht kennt- Das Experiment sah folgendermaßen aus:
Dem Probanden wurde im Experiment die Rolle des „Lehrers“ erteilt. Seine Aufgabe war es einem „Schüler“, der sich in einem Nebenraum befand, Aufgaben zu stellen. Wenn der Schüler falsche Lösungen äußerte, wurde er vom „Lehrer“ mit einen elektrischen Stromschlag bestraft. Dabei wurde die Spannung nach jedem Fehler um 15 Volt erhöht. Obwohl der Proband den Schüler nicht sehen konnte, konnte er ihn hören. Erreichte die Spannung beispielsweise 150 Volt, verlangte der Schüler, von seinem Stuhl losgebunden zu werden, da er die Schmerzen nicht mehr aushalte, bei 200 Volt hörte der Lehrer Schreie, bei 200 Volt lehnte es der Schüler ab zu antworten, da er zu große Angst vor Schmerzen verspürte und ab 330 Volt war nur noch Stille zu hören- man musste davon ausgehen, dass der Schüler tot ist. Die Voltstärke ließ sich jedoch bis auf 450 Volt erhöhen. (vgl. Quelle)

File:Milgram Experiment.pngLizenz: CC by Wapcaplet Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Was schätzt ihr wie weit die meisten Probanden gegangen sind?
Wie weit würdet ihr gehen?

Von den vierzig Probanden beendeten fünf bei 300 Volt den Versuch, vier Probanden bei 315 Volt, wiederum fünf im Bereich von 330- 375 Volt, jedoch hielten ganze sechsundzwanzig Menschen das Experiment bis zum Ende durch und gaben den 450 Volt- Schock.
In Wirklichkeit erlebte der „Schüler“ natürlich keine elektrischen Stromschläge, sondern reagierte nach einem vorher bestimmten Schema. Außerdem befand sich im Raum des „Lehrers“ noch ein „Versuchsleiter“ (natürlich auch ein Schauspieler), der den Probanden, sobald dieser Zweifel äußerte, dazu aufforderte weiterzumachen. Das Experiment wurde oft in ähnlichem Versuchsaufbau in allen möglichen Ländern und Zeitepochen wiederholt. Es ergaben sich immer ähnliche Resultate.
Beachtet werden muss allerdings, dass die Probanden beim Ausführen ihrer Stromstöße nicht allein waren. Es zeigt vielmehr, wie viele Menschen bereit sind, sich gehorsam gegenüber Autoritäten zu verhalten und zu tun, was der Versuchsleiter verlangte, obwohl viele der Schüler Schmerzensschreie von sich gaben. Aber ich denke wir kennen das Phänomen alle: Sobald wir uns in Gruppen aufhalten neigen wir, als soziales Wesen, dazu uns anderen anzupassen. Die Gruppe gibt uns Sicherheit und innere Stärke.

Die Konformität zu der wir neigen ist sogar biologisch begründet. Habt ihr schon einmal beobachtet, dass jemand gähnt und man plötzlich auch gähnt, obwohl man eigentlich gar nicht müde ist? Dies wird durch sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn ausgelöst. Sie sorgen dafür, dass man sich seinem gegenüber angepasst verhält.
Oder seid ihr schon einmal an einer Ampel gestanden und seid einfach losgelaufen, obwohl sie noch rot war? Sind euch dann andere Menschen gefolgt? Wahrscheinlich schon.

Kommen wir noch einmal auf das Milgram-Experiment zu sprechen: fünf Probanden gaben das Experiment auf, machten nach dem 300 Volt- Schock nicht mehr weiter und widersetzen sich den Anweisungen des Versuchsleiters. Auch im Nationalsozialismus gab es Menschen, die dem Regime kritisch gegenüber standen und sogar dagegen propagierten. Was sind das für Menschen, die widerstehen können und nicht gehorsam sind?

Psychologen analysieren Persönlichkeitsmerkmale von uns Menschen mit fünf zentralen Eigenschaften- die sogenannten Big Five:
• Neurotizismus (Angst, Nervosität, Anspannung, Unsicherheit, Verlegenheit)
• Introversion/Extraversion (gesellig, aktiv, gesprächig, herzlich, optimistisch)
• Offenheit für Erfahrungen (wissbegierig, intellektuell, fantasievoll)
• Verträglichkeit (Verständnis, Wohlwollen, Mitgefühl, Vertrauen, Kooperativ)
• Gewissenhaftigkeit (sorgfältig, planend, effektiv, verantwortlich, zuverlässig, überlegt)

(vgl. Quelle)

In der Auswertung der Persönlichkeitsmerkmale der Probanden zeigte sich, dass sehr verträgliche, gewissenhafte, zufriedene und nicht aggressive Menschen meist gehorsam waren und bis zum Tod „durchgefoltert“ hätten. Es ergab sich ebenso kein Zusammenhang zwischen Empathie und Zivilcourage. Besonders empathische, soziale Menschen reagieren in Extremsituation sogar noch eher bestialisch und konform als unglückliche, skeptische, konfliktfreudige, unzuverlässige und nicht sozialverträgliche Menschen.

Ist der Mensch also eine Bestie? Im Alltagsleben verhalten wir uns oft sozial, helfen anderen, engagieren uns in Vereinen oder helfen Freunden oder Familienmitgliedern. Aber wenn es die Situation zulässt, sind viele zu einigem fähig. Haben wir zum Beispiel die Möglichkeit einer „sozialen Erleichterung“, können wir die Verantwortung für unser Handeln auf andere übertragen, indem wir Befehle von Autoritäten (Staatschefs, Versuchsleitern, Lehrern) befolgen oder in einer Gruppe agieren und somit nur ein kleines Rädchen im Getriebe sind, befinden sich viele in der Situation wie in einem „Rauschzustand“, unfähig ihr Verhalten ausreichend zu reflektieren und Konsequenzen einzuschätzen oder wir rechtfertigen das Verhalten mit Gesetzen. Daher steckt meiner Meinung nach in jedem Menschen so etwas wie eine Bestie. Manche können sie bändigen und verstecken, anderen gelingt dies nicht. Auch unser Umfeld und unsere Erfahrungen, die wir machen, tragen erheblich dazu bei, ob wir die Bestie in uns besiegen können.

Was meint ihr: Sind wir alle unberechenbar und zu allem fähig, auch zu Taten, die wir uns „im Normalzustand“ nicht vorstellen können: zu Mord oder Folter- sobald es die Situation zulässt?

April 10

Anregung zum Philosophieren: Schlafwandler?

 

Hannah
eigenes Foto, CC-by-SA

Im Nachgang zu unserer Diskussion über Eichmann las ich ein Buch über Hannah Arendt. Sie schreibt u.a. sehr direkt:

„Ein Leben ohne Denken ist durchaus möglich; es entwickelt dann sein eigenes Wesen nicht – es ist nicht nur sinnlos, es ist gar nicht recht lebendig. Menschen, die nicht denken, sind wie Schlafwandler.“ (Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes. Das Denken. Das Wollen. München 1998, S. 189f.)

Was meint ihr: ist ein Leben ohne Denken sinnlos? Kann jemand wie Eichmann als nicht-denkender Schlafwandler schuldig sein?

 

April 9

Kursprotokoll (02. April 2014)

Gymnasium Gerabronn, Ethikkurs K1a/b (02. April 2014, 9:40-11:15 Uhr)

Thema: Fallanalyse Utilitarismus, Peter Singer
Protokollant: ChibiMikuuu
Anzahl der Anwesenden: 12; vollständig


 

Verlauf:

  • Organisatorisches
  • Aufgabe: “Tickende Bombe”
  • Peter Singer
  • Aufgabe : “Tickende Bombe”
  • Fallanalyse (unbearbeitet)

 

Organisatorisches:
Auswertung des Bewertungsbogens über die Lehrerin und Vorsätze der Verbesserung des Unterrichts ihrerseits.


 

Tickende Bombe:
Terroristen haben eine Massenvernichtungswaffe in einer deutschen Großstadt versteckt und sind bereit, diese zu zünden. Der Polizei gelingt es, einer der mutmaßlichen Terroristen zu verhaften. Sie geht davon aus, dass dieser das Bombenversteck kennt. Gelänge man in den Besitz dieser Information, könnte man damit Tausende von Menschenleben rette. Darf der mutmaßliche Terrorist –aus moralischer Sicht– gefoltert werden?

tickende bombe
Weitere Faktoren:

tickende bombe 2

-> Nach reger Diskussion sind wir auf den Beschluss gekommen, dass man den Mann, aus utilitaristischer Sicht, foltern dürfte.


 

Präferenz-Utilitarismus nach Peter Singer
Thesen
1.) Der Mensch lässt sich in 2 Kategorien unterteilen:
Das Wesen und Die Person
Das Wesen ist lediglich ein Mitglied der Spezies Homo Sapiens.
Die Person ist ein Mensch, der charakteristische Eigenschaften hat, die ihn zu einem rationalen, selbstbewussten Menschen machen.
Moralisch falsch ist, wenn die Präferenz (Interesse) des einen, der Präferenz eines anderen gegenübersteht.
->So gesehen, ist es schlimmer eine Person zu töten deren Präferenzen zukunftsorientiert sind, als ein Wesen.

2.) Präferenzutilitarismus
Dabei soll die Präferenz des Betroffenen gefördert/Lust dabei aufrechterhalten werden.
Bei der Entscheidung gilt das Prinzip der Interessenabwägung:
Unparteiisches Abwiegen der Interesse -> größere Interesse gewinnt

3.) Moralische Gleichheit Mensch und Tieres
Es gilt das Prinzip der Gleichheit, da Tiere auch Interessen besitzen, auf denen die Leidensfähigkeit basiert.
Jedoch hat man als Mensch die moralische Verpflichtung gegenüber der eigenen Spezies.

Ethische Folgerung nach Singer:
->große Masse an geretteten Personen > ein Gefolterter


 

Endergebnis:
—>Der Mann darf gefoltert werden.

April 2

Kursprotokoll

Gymnasium Gerabronn; Ethikkurs K1; vom 26. März 2014 von 9:40-11:15 Uhr; Thema: Utilitarismus

Protokollantin: schumpfiinchen

Anzahl der Anwesenden: 7 Schüler

Verlauf der Doppelstunde:

  1. Organisatorisches
  2. Beispiele
  3. Mill
  4. Schwimmbad
  5. Weiterentwicklung des Utilitarismus

1. Organisatorisches

  • Soll die Klausur am 28. Mai mit oder ohne Hefter geschrieben werden?

2. Beispiele

Zu Beginn bekamen wir Beispiele, die wir in 3 verschiedene Stapel sortieren sollten.

1. heiligt der Zweck die Mittel? (kann das hedonistische Kalkül berechtigterweise denn Ausschlag für die Handlung geben?)

  •  Ein Arzt amputiert ein Bein, um das Leben des Patienten zu retten.

2. Zweck heiligt die Mittel nicht, weil mögliche Langzeitfolgen nicht ins Kalkül mit einbezogen werden können.

  •  Feuerwehr löscht einen Brand in einer menschenleeren waffenfabrik nicht, um die Produktion weiterer Waffen, die in einem Krieg eingesezt werden sollen, zu verhindern.

3. Zweck heiligt die Mittel nicht, weil die Mittel selbst verwerflich sind, also eine moralische Vorentscheidung jedes Kalkül überhaupt verwirft.

  • Ein Arzt transplantiert einem Schwerverbrecher kein neues Herz, um spätere Verbrechen zu vermeiden.

3. Mill

Zunächst hörten wir ein Hörspiel zu John Stuart Mill um Informationen über den Philosoph und Begründer des Utilitarismus zu entdecken.

geboren: 20. Mai 1806 bei London

gestorben: 8. Mai 1873 in Avignon

Grundgedanken von Mills Utilitarismus:

  • Goldene Regel
  • Glück ist was nützlich ist für alle Menschen
  • größtmögliches Glück für größtmögliche Zahl

4 Prinzipien:

  • Konsequenzprinzip
  • Utilitätsprinzip
  • Hedonismusprinzip
  • Sozialprinzip

Wohlverstandenes Eigeninteresse:

  • Mein Interesse mit dem der Allgemeinheit harmonisieren

Handlungen sind insoweit moralisch richtig, wenn sie das Glück in der Gesellschaft befördern.

4. Schwimmbad

„Wegen akuter Wasserknappheit in einem besonders trockenen Sommer hat die Stadtverwaltung alle Betreiber von schwimmbädern gebeten, diese für zwei Wochen zu schließen. Herr F., Betreiber eines Vergnügungsbades und Utilitarist, denkt sich, dass das Öffnen seines Schwimmbades die Wasserknappheit insgesamt kaum beeinflussen würde, wenn alle anderen ihre Bäder geschlossen hielten. Auch würde es vielen Menschen eine Freude bereiten, im heißen Sommer bei ihm ein Bad zu nehmen.

 Sollte Herr F. sein Schwimmbad öffnen?“

Zu dieser Aussage sollten wir Stellung nehmen und Gründe für das Öffnen bzw. Schließen des Schwimmbades sammeln.

Ja

  • Wasserkonsum durch Freibad gegenüber individueller Abkühlung
  • Verbrauch im Einzelfall gering

=> Handlungsutilitarismus: jede einzelne Handlung wird betrachtet

nein

  • Wenn das alle tun würden, wäre die Freude geringer als das Leid aufgrund der Wasserknappheit
  • mehr Wasser zum Trinken

=>Regelutilitarismus: Was würde man tun, wenn alle so handln würden? welche Folgen gibt es?