Januar 6

Das Glück der größten Zahl vs. Menschenwürde

Überall schreiende Menschen, Eltern, die ihre Kinder suchen, das Wehklagen der Verletzten und der Überlebenden. Es herrscht Chaos, in Amerika wird der Ausnahmezustand ausgerufen. Es ist der 11. September 2001; nach den Terroranschlägen der Organisation al Kaida herrscht blankes Entsetzen und Panik. Auch heute noch ist es der Albtraum der Menschen in Amerika, so etwas ähnliches nochmals zu erleben.

Stellt euch nun vor, ihr seid ein Agent bei der CIA und habt von einem bevorstehenden Terroranschlag erfahren. Dabei  liegt eine ähnliche Situation wie am 11.September 2001 vor. Terroristen haben ein Flugzeug mit 200 Passagieren entführt und wollen in ein Hochhaus fliegen, in dem 1700 Menschen wohnen.

Ihr habt die Möglichkeit, das entsprechende Flugzeug abzuschießen oder nicht. Wie würdet ihr handeln?

Einerseits wird, wenn man nach dem Prinzip „Das Glück der größten Zahl“ geht, so entschieden, dass das Flugzeug abgeschossen wird. Man erstrebt demnach eine Minimierung des Leides. Im Falle des Abschusses müssen nämlich „nur“ 200 Menschen sterben/ leiden, während, wenn man nichts tun würde, 1900 Menschen sterben bzw. leiden würden. Man minimiert also die Anzahl derer, die leiden bzw. sterben müssen, wenn man das Flugzeug abschießt.

Andererseits ist ungewiss, wie danach diejenigen, die das entführte Flugzeug abschießen, weiterleben, da sie für den Tod von 200 Menschen verantwortlich sind. Es ist fraglich, ob sie dieses überwinden können. Gleichzeitig sind sie aber für den Tod von noch mehr Menschen verantwortlich, nur weil sie nichts unternommen haben.

Ein weiterer Aspekt, der gegen den Abschuss des Flugzeuges spricht, ist, dass man die Menschenwürde der Passagiere missachtet, indem man sie in einer Weise behandelt, der zumindest die meisten nicht zustimmen würden. Die Passagiere sind staatlicher Gewalt (im Falle eines Abschusses, initiiert von der CIA) unterworfen, ohne dass sie darauf Einfluss nehmen können, weshalb eine Würdeverletzung vorliegt. Dabei ist es egal, ob die Würde der Fluggäste schon von den Terroristen verletzt wurde, es ist nämlich ein Unterschied, ob diese Würdeverletzung vom Staat oder von Kriminellen ausgeht. Der Staat würde sich somit auf das Niveau der Verbrecher „begeben“ und eventuell würden bei ähnlichen Fällen ebenfalls Würdeverletzungen toleriert, bis diese Hemmschwelle ein Stück weit „abgetragen“ ist.

Auf der anderen Seite könnte man es als Abschreckung für Terroristen ansehen, da sie erkennen, dass ihre „Mission“ gescheitert ist. Auch könnte es als Abschreckung für andere Kriminelle fungieren, da sie sehen, dass der Staat hart durchgreift und möglicherweise würden sie aus der Angst vor Konsequenzen zögern.

 

Letztendich ist diese Frage sehr schwer zu beantworten. Es ist eine Situation, in der man nur „falsch“ handeln kann.
Ich persönlich würde das Flugzeug nicht abschießen, da für mich die Menschenwürde und deren Schutz von größter Relevanz ist. Auch in unserem Grundgesetz nimmt die Menschenwürde und deren Schutz einen wichtigen Platz ein, was man auch bemerkt, da es an erster Stelle vermerkt ist:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Art. 1 GG)

Meiner Meinung nach aber würde es einen Unterschied machen, ob man als Vertreter des Staates handelt (wie in diesem Fall, als CIA-Agent) oder als Privatperson. Die Verletzung der Würde der Passagiere wäre nicht so schlimm, als wenn es vom Staat ausgeht, da insbesondere er die Aufgabe hat, die Menschenwürde zu schützen. Gleichzeitig wüsste ich aber in beiden Fällen nicht, wie ich damit weiterleben soll, da ich so oder so, direkt oder indirekt, für den Tod vieler Menschen verantwortlich bin.

Schlussendlich bin ich also der Meinung, dass man als Vertreter des Staates das Flugzeug nicht abschießen sollte, während als Privatperson es durchaus so betrachtbar ist, dass die Anzahl der geretteten Leben die Verletzung der Menschenwürde überwiegt.

Was würdet ihr sagen? Würdet ihr das Flugzeug abschießen? Wenn ja, warum?