{"id":2758,"date":"2014-04-20T13:50:06","date_gmt":"2014-04-20T12:50:06","guid":{"rendered":"http:\/\/ethik13.wordpress.com\/?p=2758"},"modified":"2014-04-20T13:50:06","modified_gmt":"2014-04-20T12:50:06","slug":"ist-der-mensch-eine-bestie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=2758","title":{"rendered":"Ist der Mensch eine Bestie?"},"content":{"rendered":"<p>Im Mai 1960 wird in Israel der Prozess gegen NS-Verbrecher Adolf Eichmann gemacht. Eichmann war f\u00fcr die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden in Europa zust\u00e4ndig und letztendlich mitverantwortlich f\u00fcr deren Ermordung. Die Philosophin Hannah Arendt war w\u00e4hrend des Prozesses im Gerichtssaal anwesend und berichtete dar\u00fcber. Hierbei fiel ihr auf, dass Eichmann weder ein Sadist, noch ein Psychopath oder ideologischer Fanatiker sei. Vielmehr kam er ihr vor wie ein \u201eganz normaler Mensch\u201c, der sich trotz seiner grausamen Taten nicht gro\u00dfartig von seinen Zeitgenossen unterschied. Wie kann es sein, dass scheinbar normale Menschen zu M\u00f6rdern und Folterknechten werden? K\u00f6nnen auch wir zu einer Bestie, einem b\u00f6sen mordenden oder folternden Monster werden?<\/p>\n<p>H\u00e4ngt der Fall Eichmann m\u00f6glicherweise damit zusammen, dass die Gesellschaft im Nationalsozialismus ganz anderem Druck ausgesetzt war als wir heute? Sicherlich, damals herrschte Krieg. Die Menschen wussten zum Teil nicht, ob sie den n\u00e4chsten Tag \u00fcberleben w\u00fcrden, mussten sich bei Bombenangriffen im Keller verbarrikadieren und um Angeh\u00f6rige an der Kriegsfront bangen. Hinzu kam die NS- F\u00fchrung, die den Alltag der Menschen diktierte und wenig Freiheiten lie\u00df. Die Menschen hatten also st\u00e4ndig Angst, wurden \u201edazu gebracht\u201c den eigenen Verstand nicht mehr zu nutzen und stattdessen Befehle von Autorit\u00e4ten zu befolgen.<\/p>\n<p>Der bekannte Psychologe Stanley Milgram besch\u00e4ftigte sich erstmals in den 1960er Jahren damit, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, wenn sie wissen, dass sie anderen Schmerzen zuf\u00fcgen. Diese Frage untersuchte er mit dem Schwerpunkt \u201eGehorsam gegen\u00fcber Autorit\u00e4ten\u201c.<\/p>\n<p>Wer es nicht kennt- Das Experiment sah folgenderma\u00dfen aus:<br \/>Dem Probanden wurde im Experiment die Rolle des \u201eLehrers\u201c erteilt. Seine Aufgabe war es einem \u201eSch\u00fcler\u201c, der sich in einem Nebenraum befand, Aufgaben zu stellen. Wenn der Sch\u00fcler falsche L\u00f6sungen \u00e4u\u00dferte, wurde er vom \u201eLehrer\u201c mit einen elektrischen Stromschlag bestraft. Dabei wurde die Spannung nach jedem Fehler um 15 Volt erh\u00f6ht. Obwohl der Proband den Sch\u00fcler nicht sehen konnte, konnte er ihn h\u00f6ren. Erreichte die Spannung beispielsweise 150 Volt, verlangte der Sch\u00fcler, von seinem Stuhl losgebunden zu werden, da er die Schmerzen nicht mehr aushalte, bei 200 Volt h\u00f6rte der Lehrer Schreie, bei 200 Volt lehnte es der Sch\u00fcler ab zu antworten, da er zu gro\u00dfe Angst vor Schmerzen versp\u00fcrte und ab 330 Volt war nur noch Stille zu h\u00f6ren- man musste davon ausgehen, dass der Sch\u00fcler tot ist. Die Voltst\u00e4rke lie\u00df sich jedoch bis auf 450 Volt erh\u00f6hen. (vgl. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milgram-Experiment%20\">Quelle<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align:center;\"><a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/bf\/Milgram_Experiment.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/b\/bf\/Milgram_Experiment.png\/473px-Milgram_Experiment.png\" alt=\"File:Milgram Experiment.png\" width=\"258\" height=\"325\" \/><\/a>Lizenz: CC by <a class=\"extiw\" title=\"en:User:Wapcaplet\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/User:Wapcaplet\">Wapcaplet<\/a> <a class=\"external text\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\" rel=\"nofollow\">Attribution-Share Alike 3.0 Unported<\/a><\/p>\n<p>Was sch\u00e4tzt ihr wie weit die meisten Probanden gegangen sind?<br \/>Wie weit w\u00fcrdet ihr gehen?<\/p>\n<p>Von den vierzig Probanden beendeten f\u00fcnf bei 300 Volt den Versuch, vier Probanden bei 315 Volt, wiederum f\u00fcnf im Bereich von 330- 375 Volt, jedoch hielten ganze sechsundzwanzig Menschen das Experiment bis zum Ende durch und gaben den 450 Volt- Schock.<br \/>In Wirklichkeit erlebte der \u201eSch\u00fcler\u201c nat\u00fcrlich keine elektrischen Stromschl\u00e4ge, sondern reagierte nach einem vorher bestimmten Schema. Au\u00dferdem befand sich im Raum des \u201eLehrers\u201c noch ein \u201eVersuchsleiter\u201c (nat\u00fcrlich auch ein Schauspieler), der den Probanden, sobald dieser Zweifel \u00e4u\u00dferte, dazu aufforderte weiterzumachen. Das Experiment wurde oft in \u00e4hnlichem Versuchsaufbau in allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern und Zeitepochen wiederholt. Es ergaben sich immer \u00e4hnliche Resultate.<br \/>Beachtet werden muss allerdings, dass die Probanden beim Ausf\u00fchren ihrer Stromst\u00f6\u00dfe nicht allein waren. Es zeigt vielmehr, wie viele Menschen bereit sind, sich gehorsam gegen\u00fcber Autorit\u00e4ten zu verhalten und zu tun, was der Versuchsleiter verlangte, obwohl viele der Sch\u00fcler Schmerzensschreie von sich gaben. Aber ich denke wir kennen das Ph\u00e4nomen alle: Sobald wir uns in Gruppen aufhalten neigen wir, als soziales Wesen, dazu uns anderen anzupassen. Die Gruppe gibt uns Sicherheit und innere St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Die Konformit\u00e4t zu der wir neigen ist sogar biologisch begr\u00fcndet. Habt ihr schon einmal beobachtet, dass jemand g\u00e4hnt und man pl\u00f6tzlich auch g\u00e4hnt, obwohl man eigentlich gar nicht m\u00fcde ist? Dies wird durch sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn ausgel\u00f6st. Sie sorgen daf\u00fcr, dass man sich seinem gegen\u00fcber angepasst verh\u00e4lt.<br \/>Oder seid ihr schon einmal an einer Ampel gestanden und seid einfach losgelaufen, obwohl sie noch rot war? Sind euch dann andere Menschen gefolgt? Wahrscheinlich schon.<\/p>\n<p>Kommen wir noch einmal auf das Milgram-Experiment zu sprechen: f\u00fcnf Probanden gaben das Experiment auf, machten nach dem 300 Volt- Schock nicht mehr weiter und widersetzen sich den Anweisungen des Versuchsleiters. Auch im Nationalsozialismus gab es Menschen, die dem Regime kritisch gegen\u00fcber standen und sogar dagegen propagierten. Was sind das f\u00fcr Menschen, die widerstehen k\u00f6nnen und nicht gehorsam sind?<\/p>\n<p>Psychologen analysieren Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale von uns Menschen mit f\u00fcnf zentralen Eigenschaften- die sogenannten Big Five: <br \/>\u2022 Neurotizismus (Angst, Nervosit\u00e4t, Anspannung, Unsicherheit, Verlegenheit) <br \/>\u2022 Introversion\/Extraversion (gesellig, aktiv, gespr\u00e4chig, herzlich, optimistisch) <br \/>\u2022 Offenheit f\u00fcr Erfahrungen (wissbegierig, intellektuell, fantasievoll)<br \/>\u2022 Vertr\u00e4glichkeit (Verst\u00e4ndnis, Wohlwollen, Mitgef\u00fchl, Vertrauen, Kooperativ)<br \/>\u2022 Gewissenhaftigkeit (sorgf\u00e4ltig, planend, effektiv, verantwortlich, zuverl\u00e4ssig, \u00fcberlegt)<\/p>\n<p>(vgl. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Big_Five_%28Psychologie%29\">Quelle<\/a>)<\/p>\n<p>In der Auswertung der Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale der Probanden zeigte sich, dass sehr vertr\u00e4gliche, gewissenhafte, zufriedene und nicht aggressive Menschen meist gehorsam waren und bis zum Tod \u201edurchgefoltert\u201c h\u00e4tten. Es ergab sich ebenso kein Zusammenhang zwischen Empathie und Zivilcourage. Besonders empathische, soziale Menschen reagieren in Extremsituation sogar noch eher bestialisch und konform als ungl\u00fcckliche, skeptische, konfliktfreudige, unzuverl\u00e4ssige und nicht sozialvertr\u00e4gliche Menschen.<\/p>\n<p>Ist der Mensch also eine Bestie? Im Alltagsleben verhalten wir uns oft sozial, helfen anderen, engagieren uns in Vereinen oder helfen Freunden oder Familienmitgliedern. Aber wenn es die Situation zul\u00e4sst, sind viele zu einigem f\u00e4hig. Haben wir zum Beispiel die M\u00f6glichkeit einer \u201esozialen Erleichterung\u201c, k\u00f6nnen wir die Verantwortung f\u00fcr unser Handeln auf andere \u00fcbertragen, indem wir Befehle von Autorit\u00e4ten (Staatschefs, Versuchsleitern, Lehrern) befolgen oder in einer Gruppe agieren und somit nur ein kleines R\u00e4dchen im Getriebe sind, befinden sich viele in der Situation wie in einem \u201eRauschzustand\u201c, unf\u00e4hig ihr Verhalten ausreichend zu reflektieren und Konsequenzen einzusch\u00e4tzen oder wir rechtfertigen das Verhalten mit Gesetzen. Daher steckt meiner Meinung nach in jedem Menschen so etwas wie eine Bestie. Manche k\u00f6nnen sie b\u00e4ndigen und verstecken, anderen gelingt dies nicht. Auch unser Umfeld und unsere Erfahrungen, die wir machen, tragen erheblich dazu bei, ob wir die Bestie in uns besiegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was meint ihr: Sind wir alle unberechenbar und zu allem f\u00e4hig, auch zu Taten, die wir uns &#8222;im Normalzustand&#8220; nicht vorstellen k\u00f6nnen: zu Mord oder Folter- sobald es die Situation zul\u00e4sst?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai 1960 wird in Israel der Prozess gegen NS-Verbrecher Adolf Eichmann gemacht. Eichmann war f\u00fcr die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden in Europa zust\u00e4ndig und letztendlich mitverantwortlich f\u00fcr deren Ermordung. Die Philosophin Hannah Arendt war w\u00e4hrend des Prozesses im Gerichtssaal anwesend und berichtete dar\u00fcber. 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