{"id":4857,"date":"2019-04-08T20:53:52","date_gmt":"2019-04-08T19:53:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=4857"},"modified":"2019-04-08T20:53:52","modified_gmt":"2019-04-08T19:53:52","slug":"verlernte-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=4857","title":{"rendered":"Verlernte Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kulturkapitalismus.<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es kommt immer das gleiche in der Glotze<\/p><p><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich hab mich schon immer gefragt woher Redewendungen wie &#8222;Es kommt immer das gleiche in der Glotze!&#8220; oder &#8222;Das Radio spielt immer die f\u00fcnf gleichen Lieder!&#8220; kommen. Immerhin sind das Radio und der Fernseher unser allt\u00e4glicher Kontakt mit unserer Kultur und es w\u00e4re ausgesprochen beschreibend f\u00fcr unseren gesellschaftlichen Zustand, wenn die von uns erzeugten Kulturg\u00fcter monoton, uninteressant und repetitiv w\u00e4ren. Wenn man also die heutigen Kulturst\u00e4tten und -Veranstaltungen betrachtet, kann man die heutige kulturelle Erfahrung in f\u00fcnf Kategorien teilen: Musik, Fernsehen, Film und Theater bzw. Oper und Musicals. Dabei sind Musik, Fernsehen und Film die mit Abstand beliebtesten Kunstformen, denn sie sind mit heutiger Technologie fast nicht Ortsgebunden und sehr Alltags- und massentauglich. Hinter der Fassade der Interpreten, Moderatoren und Schauspielern bei diesen drei Medien verbergen sich zumeist ziemlich gro\u00dfe Industriekomplexe. Disney, Time Warner, Paramount Pictures, Spotify, Sony, 21st Century Fox, HBO, RTL, Netflix, um nur die Gr\u00f6\u00dften zu nennen. All jene Komplexe, die das heimische Fernsehen, das kleinst\u00e4dtische Kino und das Radio mit ihrer Musik, ihren Filmen und ihren Sendungen dominieren, sind B\u00f6rsennotierte Unternehmen mit Milliardenums\u00e4tzen, die nicht selten noch gr\u00f6\u00dferen Unternehmungen angeh\u00f6ren. Sie arbeiten stets nach den Prinzipien des freien Marktes und der Gewinnmaximierung. Dementsprechend liegt es in ihrem Interesse, mit ihren Produkten, welche unsere Kulturg\u00fcter sind, eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Masse anzusprechen. Das bedeutet, dass ihre Produktpalette f\u00fcr Massen optimiert werden und optimiert sind. Offensichtlich f\u00fchrt das dazu, dass sich die Radiomusik ausgesprochen ausgelutscht f\u00fchlt. Und das obwohl, wenn man sich die musikalische Entwicklung der Charts in den letzten Zehn Jahren anguckt, man feststellen wird, dass sich die Musik, die als massentauglich gilt, sehr stark gewandelt hat. Besonders gut stellt das der Vergleich der Charts 2014 und 2018 dar. Das Top 1 Lied 2014 hie\u00df wortw\u00f6rtlich &#8222;Happy&#8220; w\u00e4hrend das Top 17 Lied 2018 wortw\u00f6rtlich &#8222;SAD!&#8220; hie\u00df. Trotzdem hat sich am Gef\u00fchl nichts ge\u00e4ndert, dass sich Musik immerzu gleich anh\u00f6rt. Und das liegt prim\u00e4r daran, dass es keine originelle Musik, ferner auch Kunstprodukte, mehr gibt, sondern nur noch Kopien von Kopien.  Das l\u00e4sst sich in unserer Musikindustrie noch nicht so stark erahnen, da sie von Unterbrechungen wie Lorde&#8217;s &#8222;Royals&#8220; 2013 gest\u00f6rt wird und einige K\u00fcnstler durchaus mit One-Hit-Wondern oder mit dem Independent-Dasein \u00fcberleben k\u00f6nnen, zum Beispiel Macklemore. Aber wenn man ins fern\u00f6stliche S\u00fcdkorea blickt, findet man eine eine Musikindustrie, die sich im Hyperkapitalismus befindet. Es ist, um das zu verstehen, empfehlenswert, selber einige Musikvideos anzuschauen. Aber schon an der Aufmachung der Videos erkennt man, dass kein St\u00fcck dieses Kunstproduktes dem Zufall oder dem K\u00fcnstlerischem Genie \u00fcberlassen wird. Die Interpreten, sogenannte. Acts, werden von Kindesalter an wie Fu\u00dfballspieler (\u00fcbrigens eine interessante Analogie, so ist Sport auch ein Kulturgut) trainiert und durch eine Industrie gro\u00df gemacht, die sich danach richtet, was f\u00fcr ein Trend gerade in der breiten Mittelschicht beliebt ist. Dieser Trend allerdings, ein Zusammenspiel von modischer Kleidung, der richtigen Musik, und den angesagtesten Acts, ist selber von der Industrie gesteuert und geliefert. Das Ergebnis davon ist eine Gesellschaft und eine Industrie, die Musik produziert, die nur Musik kopiert, die selber nur andere Musik kopiert hat. Ergo entwickelt sich eine Kultur der <em>Kopien von Kopien<\/em>, die Seele der Musik, die Originalit\u00e4t geht dabei fl\u00f6ten.                           <br>Jetzt mag man sich fragen, inwiefern das einen betrifft, wenn irgendwo in Korea eine Gesellschaft sich kulturell in den Ruin treibt und sich nebenbei durch die kulturindustriell gesetzten Kaufanreize in die Kreditkartenschuldenfalle reinreitet. Immerhin scheinen unsere Kulturg\u00fcter doch mehr oder weniger zu funktionieren. Das ist aber nur eine Halbwahrheit. W\u00e4hrend es wahr ist, dass die westliche Kulturlandschaft durch eine reiche Musikgeschichte noch lange nicht sich im gleichen Zustand wie die koreanische befindet,  so ist es gleichzeitig nicht verneinbar, dass sich eine Produktion von Kopien von Kopien seit Jahrzehnten anbahnt und verst\u00e4rkt. Kaufreize f\u00fcr Mode, wie es in Korea schon lange \u00fcblich ist, kommen auch im Westen immer mehr in die Musik, Stichwort Guccihype.  Man darf auch nicht die Filmindustrie vergessen, denn diese wird sowohl in Deutschland als auch in fast der ganzen restlichen Welt von Hollywood beherrscht. In dieser Industrie herrschen die gleichen Regeln, nur mit noch viel h\u00f6heren Eins\u00e4tzen. Darum ist die gedankliche Monotonie der Blockbuster umso redundanter. Besonders klar wird das in den Endlosen Serien der wahnsinnig erfolgreichen Komikbuchverfilmungen des Hauses Marvel oder den Revivals von Filmen aus den 80ern wie &#8222;IT&#8220;, &#8222;Robocop&#8220;, &#8222;Star Wars&#8220;, &#8222;Star Trek&#8220;, &#8222;Blade Runner&#8220; und so weiter. Diese, schon in den 80ern erfolgreiche Universen sind eigentlich schon zu Ende erz\u00e4hlt und bed\u00fcrfen aus k\u00fcnstlerischer Sicht keine Revivals oder Verfilmungen, genauso wie bei den Komikb\u00fcchern. Allerdings garantieren sie durch Nostalgiefans Einnahmen und sind mit Fachkenntnissen so realisierbar, dass die Produkte Fans gen\u00fcgend befriedigen um sie bei der Fortsetzung wieder ins Kino zu locken. Filme mit unbekannten Regisseuren und unbekannten Namen h\u00e4tten im Gegensatz dazu keine Chance, und das finanzielle Risiko w\u00e4re zu gewaltig, da die Produktionskosten und die Vermarktungskosten f\u00fcr einzelne Filme gerne mal eine Milliarde Euro kosten darf. Dementsprechend ist es lohnenswert, Kopien von Originalen und von denen wiederum Kopien anzufertigen. Eine gewissen k\u00fcnstlerische Freiheit hingegen k\u00f6nnen Streaminganbieter bereitstellen, da sie ein sehr flexibles Abonnementsystem haben. Allerdings lebt auch Netflix im Konkurrenzkampf und muss sich der Marktwirtschaft beugen. Auch &#8222;Stranger Things&#8220;, war eigentlich nur ein Revival von verschiedensten Einfl\u00fcssen aus den 80ern und 90ern. Und auch wenn sich die Oscars und die Grammys, als auch die Berlinale oder Cannes sich als akademisch\/k\u00fcnstlerische Oase ausgeben, so sind die gepriesenen Filme keine Massenmedien. Zumindest nicht vergleichend mit dem 10ten &#8222;Fast and Furious&#8220;. Vom produzierendem Prinzip her funktionieren Musicals des weiteren genau gleich, nur dass sie eine Mischung aus Musik- und Film sind, wobei sie mehr der Filmindustrie mit kleinem Publikum \u00e4hneln. Theater und Oper hingegen leben in einer Trance der st\u00e4ndigen Wiederauff\u00fchrung von St\u00fccken aus besseren Zeiten weiter, oder sind derart unbedeutend, dass sie nicht als bedeutsam f\u00fcr die Kultur gesehen werden  k\u00f6nnen, vor allem, weil sie eine sehr beschr\u00e4nkte (und damit meine ich alt und b\u00fcrgerlich) Adressatengruppe haben. Eine weitere Ebene, die nicht mehr direkt Kulturgut ist, auf die diese Form des Kapitalismus vorgedrungen ist, ist die Nachrichtenmedienlandschaft, vornehmlich in den staatsmedienlosen, freim\u00e4rktlichen Vereinigten Staaten. Die Kr\u00e4fte des freien Marktes haben n\u00e4mlich dazu gef\u00fchrt, dass die Ware &#8222;qualitativer Journalismus&#8220; nicht nur stark verteuert wird, sondern auch rar wird. Daraus entsteht ein Nachrichtenzyklus, das nicht wie ernst zunehmende Nachrichten anbietet, sondern wie Entertainment mit Realityfaktor. Ab dieser Schwelle fangen die oben genannten Prinzipien der Kopie-der-Kopie-Industrie an zu wirken, und das wichtigste Prinzip der Mediendemokratie, freie und ehrliche Berichterstattung, wird dem Kapital unterworfen. Zu was das f\u00fchrt, l\u00e4sst sich sehr sch\u00f6n an der amerikanischen Demokratie beobachten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ideologische Entkernung.<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> Kunst, die eigentlich ein Selbstzweck ist, dient dem Kapital. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Frage die sich aus dem Ganzen stellt, ist inwiefern dieses ganze Komplex uns wirklich tangiert. Immerhin kann das gebildete, selbst-reflektierte und aufgekl\u00e4rte Individuum hoffentlich zwischen Kunst und Abfall unterscheiden. Aber das ist falsch. Zwangsl\u00e4ufig wird immer mehr der Kulturgutproduktion den Zyklen der Kulturkapitalismus unterworfen und inhaltlich entkernt. Kunst, die eigentlich ein Selbstzweck ist, dient dem Kapital. Aber mehr als das, denn Kunst ist nicht nur eine \u00c4u\u00dferung von phantastischen Einf\u00e4llen. Es hei\u00dft nicht umsonst, dass man in jeder Portr\u00e4tzeichnung von Rembrandt, Rembrandt auch selbst irgendwo sehen kann. In jedem Kunstwerk ist zwangl\u00e4ufig ein Teil der Welt und des K\u00fcnstlers verarbeitet, der das Kunstwerk erschafft. Darum ist Interpretation von Kunstwerken g\u00fcltig. Weil das Kunstwerk im Verh\u00e4ltnis zu den Umst\u00e4nden des Schaffens und zu den Umst\u00e4nden des Betrachters eine Aussage kreiert. Doch was passiert, wenn Kunst aus Kopien von Kopien besteht, wie das zum Beispiel in Korea geschieht? Zum Einen wird Kunst nicht mehr erinnert. &#8222;Bohemian Rhapsody&#8220; ist ein Kunstwerk durch und durch, es ist \u00fcber Jahrzehnte ein Klassiker und wird nie ganz vergessen sein, solange es Aufzeichnungen davon gibt. Goethes Faust oder Stanley Kubriks &#8222;The Shining&#8220; auch nicht. Aber Gangam Styles einzige Eigenschaft, die es in Korea selbst (nicht im Rest der Welt) hervorgehoben hat, ist, dass es eine Parodie auf den Lifestyle der reichen Koreaner ist. In Korea war es auch kein besonderer Erfolg \u00fcbrigens. Inhaltslose Kunst wird also vergessen werden. Das ist das Erste. Das Zweite ist, dass die Kopien der Kopien nur noch eine Ideologische Deutung \u00fcbrig lassen: die Kopie selbst. Um das zu verstehen m\u00f6chte ich kurz das Prinzip der Referenz erkl\u00e4ren. An sich ist das ein Mittel, um auf ein anderes Kunstwerk von anderen K\u00fcnstlern zu rekurrieren bzw. anzuspielen. Schon die alten Griechen haben das gerne gemacht. Doch heutzutage f\u00fchrt das dazu, dass Filme wie zum Beispiel &#8222;Ready Player One&#8220; oder &#8222;Ralph Reichts!&#8220; nur noch aus Anspielungen an andere popkulturellen Produkte bestehen. Das Internetph\u00e4nomen des Memes, was zunehmends den Komikern das Handwerk legen und die bevorzugte Expressionsmethode einer ganzen Generation ist, beruht nur auf dieses Prinzip. Folglich wird die leitende ideologische Str\u00f6mung aller &#8222;Kunst&#8220; nur noch die Kopie beziehungsweise die Anspielung. Das ganze hat aber eine noch tiefere Ebene. Denn wenn die breite Allgemeinheit, als auch die Kunstschaffenden und Eliten verlernen, mehr als nur Kopien anzufertigen, dann geschieht etwas nie dagewesenes: Der Mensch verlernt sich die Zukunft vorzustellen, es fehlen schlichtweg die denkerischen R\u00e4ume, sich andere Welten vorzustellen, als die bereits Vorhandene. Doch die F\u00e4higkeit, sich die Zukunft vorzustellen ist f\u00fcr das menschliche Dasein essentiell. Denn dank seines ausgereiften Gehirns ist der Mensch in der Lage seine empirische Sinnlosigkeit festzustellen, womit ihm nur die Flucht in das Metaphysische bleibt, um sich selbst einen Sinn zu geben, eine Zukunft zu geben. Im Grunde genommen ist genau das die Essenz des Glaubens, unabh\u00e4ngig ob es der Glaube an das Karma, dem Kommunismus oder an Gott ist. Der Glaube verspricht durch eine gewisse Art und Weise zu leben, eine Zukunft bereitzustellen, f\u00fcr die es sich gelohnt hat, zu leben und in der Sinnlosigkeit zu &#8222;leiden&#8220;. Das kann die sozialistische Utopie oder das Paradies mit 72 Jungfrauen sein, es geht darum, dass es eine Zukunft ist. In der Gesellschaft des Hyperkapitalismus hat der Mensch also verlernt, sich eine Zukunft vorzustellen, da der Kulturelle Zustand ihm einfach jeglichen Raum f\u00fcr solche Vorstellungen genommen hat. Da bleibt nur noch eine Frage: Ist dieses ganze bedruckte Papier es wirklich Wert?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen, Kartharsis<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Alles gute nachtr\u00e4glich zum Geburtstag, Frau Sch\u00fctze!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulturkapitalismus. Es kommt immer das gleiche in der Glotze Ich hab mich schon immer gefragt woher Redewendungen wie &#8222;Es kommt immer das gleiche in der Glotze!&#8220; oder &#8222;Das Radio spielt immer die f\u00fcnf gleichen Lieder!&#8220; kommen. 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