{"id":4891,"date":"2019-06-22T23:07:38","date_gmt":"2019-06-22T22:07:38","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=4891"},"modified":"2019-06-24T23:24:19","modified_gmt":"2019-06-24T22:24:19","slug":"der-aussenseiter-im-inneren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=4891","title":{"rendered":"Der Aussenseiter im Inneren"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Leben z\u00e4hlt das, was man mit anderen Menschen gemeinsam hat. In seinen Freunden sucht man sich diejenigen aus, mit denen man Aktivit\u00e4ten oder Erfahrungen teilen kann. So solidarisieren wir uns gegenseitig durch das, was wir gemeinsam haben. Ebenso kommt uns das v\u00f6llig Unbekannte und Unverst\u00e4ndliche fremd und gef\u00e4hrlich vor. Automatisch entstehen Apathien und \u00c4ngste. Jedoch steht unsere Solidarisierung durch \u00c4hnlich- und Gemeinsamkeit im Kontrast mit unserer Erfahrung als Individuum. Immerhin verstehen wir unsere menschliche Erfahrung durch Unterschied zu anderen Menschen und  im Unterschied zu dem Rest des Universums. Man kann sich selbst nur dann als Individuum erkennen, wenn man den Unterschied zu anderen Menschen erkennt. Es ist der Moment, in dem sich der Mensch im Spiegel erkennt und seine Charakteristika differenziert, in dem Er als Mensch geboren wird. Gleichzeitig ist es elementar f\u00fcr die menschliche Erfahrung seiner Existenz, dass unsere F\u00fchlreichweite durch die physischen Limitationen unseres K\u00f6rpers beschr\u00e4nkt sind. Auch wenn wir im makroskopischen und mikroskopischen Bild des physikalischen Universums nicht von dem Rest dessen zu unterscheiden sind, so ist es die Eigenheit des Menschen, durch die Sinne seine Existenz in seinem K\u00f6rper zu erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch im Verlauf des Lebens wird die Individualit\u00e4t des Menschen deutlich. So sind geistige und physische Merkmale jedem einzelnen Menschen individuell. Auch wenn Er Erfahrungen, Gef\u00fchle, Gedanken und Merkmale mit teilweise gro\u00dfen Gruppen von Menschen oder allen Menschen teilt, so ist die spezifische Konstellation und Reihenfolge als auch die Originalit\u00e4t sowie die Qualit\u00e4t dieser Lebenscharakteristika unterschiedlich und definitiv einzigartig. Somit gleicht der Mensch im Laufe eines Lebens einem Cyborg. Unterschiedliche Teile seines Menschen werden durch ihn selbst oder durch andere k\u00fcnstlich ausgetauscht, ver\u00e4ndert und hinzugef\u00fcgt.  Unsere Lebenserfahrung ist allerdings durch und durch sozial und interaktiv. Es geschieht in Gruppen oder, besser gesagt, Blasen von Menschen, die mindestens ein Charakteristikum teilen. Es ist der Mensch kein Mensch, welcher kein Charakteristikum mit einem anderem teilt. In dieser Spannung zwischen Cyborg und Menschenblase wird der Cyborg zum &#8222;Aussenseiter im Inneren&#8220;. Zwar teilt der Cyborg einen Teil seines Wesens mit dem Rest einer seiner Blasen. Aber durch seiner schiere Individualit\u00e4t grenzt er sich in seinem Inneren selbst aus. Seine Gedanken, Aktionen und Reaktionen werden sich von allen anderen unterscheiden. Dabei ist das &#8222;Innere&#8220; des &#8222;Aussenseiter im Inneren&#8220; doppeldeutig. Denn im Gruppengef\u00fcge selbst ist der Cyborg nicht zwangsl\u00e4ufig ein klassischer Aussenseiter, wahrscheinlich sogar meistens nicht. Die Charakteristika die er mit dem Rest der Blase teilt k\u00f6nnen in ihm so ausgepr\u00e4gt sein, dass man ihm sogar als den Kern der Blase bezeichnen k\u00f6nnte. Er wird Nichtsdestotrotz ein Aussenseiter bleiben, auch wenn er im Innersten der Gruppe ist, weil sein Aussenseitertum im Inneren des Cyborgs stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet diese Analyse aber f\u00fcr uns? Das hat mit dem Solidarisierungsmechanismus der derzeitigen Menschen zu tun. Wie Eingangs erw\u00e4hnt geschieht eine Solidarisierung und eine \u00dcbereinkunft mit anderem Menschen durch Gemeinsamkeit. Somit geschehen Verst\u00e4ndnis, Hilfe und Leben mit und f\u00fcreinander nur auf der Grundlage von gemeinsamen Merkmalen. Dabei ist jeder Mensch ein Cyborg, in seiner Einzigartigkeit besonders und sich seines Unterschied zu Anderen auf existenzielle und sogar schmerzliche Art und Weise bewusst. Wozu diese Dynamik f\u00fchrt sind Zweierlei. Mit der Diversifizierung von Lebenswelten durch die Vermischungen von Lebensr\u00e4umen im globalen Ma\u00dfe bilden sich zwar eine viel mehr Gruppen an Menschen. Aber da sich diese Gruppen vor allen Dingen mit- und untereinander solidarisieren und es keine gleichm\u00e4\u00dfige zahlenm\u00e4\u00dfige Verteilung von Menschen in den verschiedenen Gruppen existieren wird, feinden sich die Gruppen an. In seiner vollen Bl\u00fcte sieht man diese Dynamik im Zeitalter des Nationalismus im 18ten, 19ten und 20ten Jahrhundert. Konsequenz ist also Konflikt unterhalb von verschiedenen Solidarit\u00e4tsgemeinschaften. Doch noch dazu kommt die innere Entfremdung und innere Radierung von Charakteristika innerhalb des Cyborg. Einher damit geht auch eine Vereinsamung des Cyborgs. Diese Konsequenzen lassen sich auf Dynamiken innerhalb des Gruppengeflechts begr\u00fcnden. Mit dem kontinuierlichen Prozess der Anfeindung anderer Solidarit\u00e4tsgemeinschaften sieht sich der Cyborg im Zwang, seine Individualit\u00e4t f\u00fcr eine Uniformit\u00e4t in dieser Blase aufzugeben. Sein Aussenseitertum und Vereinsamung wird vornehmlich in das Innere verschoben, da Andersartigkeit angefeindet wird. Der Cyborg wird also zum vermummten Soldaten der Gruppe. Seine Cyborgartigkeit ist aber ein normativer Fakt und folglich wird seine Andersartigkeit zum Problem seiner Selbstwahrnehmung und f\u00fchrt zur geistigen und eventuell emotionalen Vereinsamung.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist sehr eindeutig dargelegt, dass in einer Welt voller Cyborgs die Solidarisierung durch Gemeinsamkeit zu Reihen an systemischen Problemen f\u00fchrt. Im aktuellen Kontext ist das besonders durch identit\u00e4tssuchende Bewegungen zu beobachten. In diesen Bewegungen werden mehrere Dynamiken offen zur Schau gestellt. Erstens, wie schon oben genannt, die sich im Ton versch\u00e4rfende Anfeindungen zwischen Gruppen. Zweitens, die innermenschliche Vereinsamung und Entindividualisierung innerhalb einer vermeintlich homogenen Menschenblase. Drittens wird aber auch die innere Kontradiktion der Gemeinsamkeitssolidarit\u00e4t fast schon offensichtlich tangiert, aber nicht begriffen. Die Frage zum Beispiel, was &#8222;Deutsch-sein&#8220; bedeuten w\u00fcrde, oder wie sich in der BRD der B\u00fcrger identifizieren solle, wird ausgiebig beredet. Durch die Vielschichtigkeit des Cyborgs wird aber seine schiere Individualit\u00e4t bei solchen Diskussionen offen gelegt aber nicht als bezeichnendes Merkmal anerkannt. Folglich werden komplexe identit\u00e4tstifftende Merkmale zusammengefasst und benannt. Interessant sind dabei die Unterschiede in den Ans\u00e4tzen der politischen Linken und Rechten. W\u00e4hrend die politische Rechte mit traditionellen Werten und Idealen viele Menschen in eine Gruppe zusammenfassen will, so versucht die Linke mit ihrer Identity-politics mit der genauen Bezeichnung und Hervorhebung eines Menschen seine genaue Identit\u00e4t festzulegen. Aus dem Ansatz der Rechten entspringt Rassismus und Nationalismus. Aus dem der Linken entstehen ebenfalls die Dynamiken des &#8222;Aussenseiter-im-Inneren&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich beruhen beide Ans\u00e4tze immer noch auf der gleichen Devise, Gemeinsamkeiten oder Unterschiede hervorzuheben. Beides ist das Gleiche, nur der Augenschein kann die Trennung von Gemeinsamkeit und Unterschied zu wahren. Es lassen sich alle Gemeinsamkeiten so umformulieren, dass aus ihnen Unterschiede werden und umgekehrt. So kann aus dem Fakt, dass wir alle Individuen sind, geschlossen werden, dass wir es gerade deswegen nicht sind. Somit bieten beide Ans\u00e4tze keine neue Art und Weise Solidarit\u00e4t zwischen Menschen herzustellen. Was hier auf dem Spiel steht ist tats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfer als das Wort Solidarit\u00e4t vermuten l\u00e4sst. Es ist die Grundlage f\u00fcr die menschliche Interaktion. Die Grundlage f\u00fcr Freundschaft, Familie und Staat. Wenn sich also am menschlichen Solidarisierungsprozess etwas \u00e4ndern w\u00fcrde so auch eine gewaltige Menge an Strukturen. Familie, Staat und Gemeinde w\u00fcrde sich wandeln, aufl\u00f6sen, trennen und vereinen. Individuelle Identit\u00e4t w\u00fcrde sich auf anderen Strukturen st\u00fctzen oder je nach der Ver\u00e4nderung auch aufl\u00f6sen. Es steht und f\u00e4llt also in der politischen Welt des Mensch alles mit Solidarit\u00e4t. In besonderer Art und Weise wurde diese Tatsache und auch oben genannten Dynamiken in der Amerikanischen Geschichte demonstriert. Aus ihr geht auch sehr deutlich hervor, dass es nicht einfach so m\u00f6glich ist, unterschiedliche Ethnien zu mischen und zu erwarten, dass alle beteiligten Gruppen mit dem Ergebnis zufrieden seien. Der Gr\u00fcnde warum man allerdings nicht einfach so jedem Volk sein Gebiet geben kann und hofft, dass jeder damit gl\u00fccklich wird sind aber vielerlei. Zum Beispiel wird zwangsweise Imperialismus und Expansionismus diese Gebietsverteilung annullieren. Zudem ist ein Volk ebenso ein Cyborg wie die Einzelnen Menschen, die das Volk bilden. Folglich sind die Grenzen eines Volkes zu einem anderem flie\u00dfend und niemals statisch. Doch die gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrde f\u00fcr ein Weltkonzept mit partikulierten V\u00f6lkern mit Selbstbestimmungsrechten ist die Transport- und Logistiktechnologie in Kombination mit der Kommunikationstechnologie. In Folge der Globalisierung mit diesen Branchen der Industrie ist eine Vermischung von Gruppen, Menschenblasen, Kulturen und Interessen unvermeidbar und unumg\u00e4nglich und jederzeit vorhanden. Auf dieser Grundlage ist es also das Ziel eine Solidarisierung zwischen Menschen zu erm\u00f6glichen, die die Probleme des jetzigen Prozesses l\u00f6sen und neue Formen der politischen Interaktion er\u00f6ffnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie soll diese Solidarit\u00e4t aussehen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Leben z\u00e4hlt das, was man mit anderen Menschen gemeinsam hat. In seinen Freunden sucht man sich diejenigen aus, mit denen man Aktivit\u00e4ten oder Erfahrungen teilen kann. So solidarisieren wir uns gegenseitig durch das, was wir gemeinsam haben. Ebenso kommt uns das v\u00f6llig Unbekannte und Unverst\u00e4ndliche fremd und gef\u00e4hrlich vor. Automatisch entstehen Apathien und \u00c4ngste. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":76,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,8,14],"tags":[],"class_list":["post-4891","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anthropologie","category-gesellschaft","category-philosophie","missing-thumbnail"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4891","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/76"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4891"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4891\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4922,"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4891\/revisions\/4922"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4891"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4891"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ethikblogs.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4891"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}