{"id":5030,"date":"2020-01-07T10:15:24","date_gmt":"2020-01-07T09:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5030"},"modified":"2020-01-07T10:42:32","modified_gmt":"2020-01-07T09:42:32","slug":"die-frage-nach-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5030","title":{"rendered":"Die Frage nach Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Es ist hei\u00df.<br>Ich gehe mit meiner kleinen Schwester durch die Stadt, wir besorgen uns Eis, gehen in den Park. Setzen uns in den Schatten einer gro\u00dfen Linde. &#8222;Kim!&#8220;, ruft sie pl\u00f6tzlich, aufgesprungen und losgerannt zu der gro\u00dfen Statue, die auf dem gegen\u00fcberliegenden Platz steht. &#8222;Was ist denn?&#8220; gebe ich -zugegebenerma\u00dfen: genervt &#8211; von mir. &#8222;Wieso hat die Frau denn verbundene Augen? Und was macht die \u00fcberhaupt?&#8220; fragt sie und ich muss erst mal hochschauen, gegen die Sonne. Oh das ist ja Justizia!<\/p>\n<p>Keine bl\u00f6de Frage, die meine Schwester da gestellt hatte.<br>Allgemein bekannt ist ja, dass Justizia ein Zeichen der Gerechtigkeit ist. Beziehungsweise der Rechtsstaatlichkeit. Oder beidem? Aber was ist denn Gerechtigkeit? Aristoteles hatte ja die Idee, dass Gerechtigkeit eine Tugend ist, die nur in konkreten Handlungen oder Taten zum Vorschein kommt, und unterschied zwischen Gerechtigkeit zwischen Staat und B\u00fcrger sowie B\u00fcrger und B\u00fcrger. Fehlverhalten sollte berichtigt werden. Aber ist das &#8222;n\u00fctzlich&#8220;? Und kann ich das tun? Bzw. ein Staat, in dem er \u00fcber jemanden entscheidet? Wenn jemand vor Gericht kommt, weil er etwas gestohlen hat, dann wird zum einen sein Motiv gewertet, also die Beweggr\u00fcnde, weshalb er die Tat beging, des weiteren die Tat selbst: Wie war der Tathergang? Wie gro\u00df der Wert des entwendeten Objekts? Und weiter: Wenn nun eine Geldstrafe verh\u00e4ngt wird, oder bei schlimmeren Vergehen sogar die Freiheitsstrafe, wird \u00fcber die Zukunft des Angeklagten entschieden. Man geht also davon aus, dass der Schaden ausgeglichen werden muss, im materiellen Sinn (-&gt; Geld) oder im immateriellen (-&gt;Freiheitsstrafe), und dass dies von einem Staat angeordnet werden muss. Daf\u00fcr steht dann das Schwert der Justizia, also f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der Gerechtigkeit. Nun geht man also davon aus, dass der T\u00e4ter diese Tat nicht von selbst begleichen oder reflektieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, es gibt kein Vertrauen darauf, dass er dies tun w\u00fcrde, bzw. die Tat gar nicht erst begehen w\u00fcrde, was man ja an gel\u00e4ufigen Kriminalit\u00e4tsraten durchaus als rationale Entscheidung nachvollziehen kann.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, dar Rechtsstaat ist eine Absicherung, falls doch etwas schief geht. Falls der Mensch die Grenze \u00fcbertritt, die Grenze, an der die Freiheit des anderen beginnt.&nbsp;<\/p>\n<p>In einer optimalen Gesellschaft br\u00e4uchte man das also nicht. Jeder w\u00fcrde sich gerecht verhalten.<\/p>\n<p>Keine Justizia mehr ben\u00f6tigt? Aber nein, sie steht noch da, auf dem Platz mit dem Kopfsteinpflaster und den roten B\u00e4nken, Sie ist keine Illusion, keine Vision, sie steht da. Und da ist meiner Meinung nach der Punkt: In einer Utopie der gerechten Gesellschaft handelt jeder gerecht. &#8222;Gerecht&#8220; ist aber Definitionsfrage. Das geht schon beim Eis los: Wer bekommt am meisten?<\/p>\n<p>Der, der am meisten ben\u00f6tigt?<\/p>\n<p>Oder am meisten geleistet hat?<\/p>\n<p>Oder, wie Walter Rathenau meinte: Allen das Gleiche?<\/p>\n<p>So geht es aber nicht nur in der Nachtischdebatte zu, sondern auch bei der Steuerpolitik: Kann man, aufgrund des wachsenden Abstandes zwischen arm und reich, Steuern auf gro\u00dfe Erbschaften, Kapitalertr\u00e4ge und Immobilien erh\u00f6hen, da &#8222;die (&#8230;) Konzentration von Reichtum in einer demokratischen Gesellschaft nicht zutr\u00e4glich ist&#8220;, wie es Hannes Koch 2005 formulierte? Nat\u00fcrlich kann man hier auch fragen, ob der Kapitalismus an sich gerecht ist: Hayes meinte hierzu, er sei das, da der Markt sich selbst regle, sie starken ihren Lohn bekommen, die faulen bzw schwachen eben weniger. Wobei die Frage ist, wo dann die Empathie bzw. die christliche N\u00e4chstenliebe bleibt, wenn im Kapitalismus jeder nach gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichem Eigenerfolg strebt. Mit Kapitalismuskritiker k\u00f6nnte man jedoch etliche weitere Seiten f\u00fcllen &#8211; w\u00e4re der Kapitalismus diesem Aufwand gerecht ;)? -deshalb zur\u00fcck zum Platz der Justizia:<\/p>\n<p>Es gibt also unterschiedliche Weisen, Gerechtigkeit zu definieren: Einer meint, es w\u00e4re gerecht, die schwachen auf die roten B\u00e4nke sitzen zu lassen, ein anderer meint, die, die hart gearbeitet haben, d\u00fcrfen sich unter dem Baum ins weiche Gras in den Schatten legen, der n\u00e4chste ist der Auffassung, alle m\u00fcssen auf dem Kopfsteinpflaster stehen. Und da eben nicht alle einer Meinung sein werden, diskutiert man eben zu siebenhundertneunt, l\u00e4sst Gesetzte entwerfen, beschlie\u00dfen, die eben von den Personen in schwarzer Robe angewendet werden: Um sich auf die eine &#8222;Norm&#8220; zu einigen. Die nie alle einhalten werden, da es eben nie der Meinung aller 80 Millionen entsprechen wird.<\/p>\n<p>Ist absolute Gerechtigkeit also eine Illusion, etwas, das nie erreicht werden kann? Um die Frage, nach dem was kommen wird zu beantworten, kann man einmal den Blick auf das was war wenden:<\/p>\n<p>Das erste, was einem hierbei einf\u00e4llt, ist vermutlich die griechische Polis: Um die Gerechtigkeit auszuloten, wurden in regelm\u00e4\u00dfigem Abstand andere Mitglieder des &#8222;Parlaments&#8220; durch den Zufall des Loses bestimmt. Und kann es etwas gerechteres geben als den Zufall? Doch trotz alledem traf die M\u00f6glichkeit, mitbestimmen zu k\u00f6nnen. nur auf B\u00fcrger zu. Sklaven und Frauen waren nicht mutinbegriffen.<\/p>\n<p>Selbst heute scheint es, als h\u00e4tten sich die Ungerechtigkeiten und Unterdr\u00fcckungen der einen Gruppe durch die andere keineswegs aufgel\u00f6st, sondern sich nur in post-kolonialer Abh\u00e4ngigkeit \u00fcber den gesamten Globus erstreckt und verschlimmert.&nbsp;<\/p>\n<p>Und trotzdem gibt es jeden Tag Menschen, die f\u00fcr ihre Rechte oder die anderer einstehen, Gerechtigkeit fordern und f\u00f6rdern. Nelson Mandela? Malala? Schindler? Manchmal gen\u00fcgt das sitzenbleiben einer Person zum Aufstand der Welt: Rosa Parks. Greta Thunberg. Manchmal fordert es hartn\u00e4ckigen, langwierigen zivilen Ungehorsam: Mahatma Grandi. Wobei letzterer bekanntlich f\u00fcr seine Vision von einem Andersdenkenden &nbsp;erschossen wurde.. Also doch nur Illusion?<\/p>\n<p>Mein Blick f\u00e4llt wieder auf die Statue. Sie ist noch da. Vielleicht ben\u00f6tigt es nur Menschen, die sie sehen. Wie meine Schwester. Die aus der Illusion eine Vision machen<\/p>\n<p>&#8222;Kim!!! Was ist denn jetzt?&#8220; Ja hmmmmm. Wie erkl\u00e4re ich das jetzt?<\/p>\n<p>&#8222;Schau die Frau hat die Augen verbunden dass sie uns nicht sieht, die Waage, dass sie entscheiden kann, ob wir lieb zueinander sind. Das Schwert ist zum drohen da&#8230;&#8220; (Nicht gerade pathetisch)<\/p>\n<p>Fragend blickt mich meine 5-j\u00e4hrige Schwester mit gro\u00dfen Augen an.<\/p>\n<p>&#8222;Ok&#8230;wieso braucht man das denn? Naja, egal, Erwachsene sind ja manchmal komisch. Aber hey, magst du mein Eis haben? Ich kann nicht mehr!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Klar&#8220;, grinse ich. Kinder brauchen auch gar keine Erkl\u00e4rung, manche haben es einfach schon verinnerlicht &#8211; auch wenn sie es gar nicht wissen kann.<\/p>\n<p><\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<ul>\n<li>Mahatma Ghandi &#8211; &#8222;Was f\u00fcr einen Menschen m\u00f6glich ist, ist f\u00fcr alle m\u00f6glich&#8220; , (2015), Planet Wissen -ARD<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lady_Justice\">Lady_Justice<\/a>&nbsp;(07.01.2020)<\/li>\n<li>Bedenkliche Schieflage, (2015), Hannes Koch<\/li>\n<li>Auf dem Fechtboden des Geistes. Aphorismen aus seinen Notizb\u00fcchern, Walther Rathenau (1953)<\/li>\n<li>Eigenes Gehirn \ud83d\ude42<\/li>\n<\/ul>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist hei\u00df.Ich gehe mit meiner kleinen Schwester durch die Stadt, wir besorgen uns Eis, gehen in den Park. 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