{"id":5107,"date":"2020-01-04T19:50:22","date_gmt":"2020-01-04T18:50:22","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5107"},"modified":"2020-01-04T19:50:22","modified_gmt":"2020-01-04T18:50:22","slug":"ist-obdachlosigkeit-selbstverschuldet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5107","title":{"rendered":"Ist Obdachlosigkeit selbstverschuldet?"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Jahr 2017 wurden in Deutschland sch\u00e4tzungsweise 48000 Menschen auf der Stra\u00dfe erfasst (bezogen auf einen Artikel der S\u00fcddeutschen Zeitung). Das sind aber l\u00e4ngst noch nicht alle, denn es gibt auch viele Obdachlose, die bis zum heutigen Zeitpunkt nicht registriert wurden. Das sind enorm viele Menschen, die kein Dach \u00fcber dem Kopf haben. Dies bemerkt man auch im Alltag in den etwas gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten, denn man sieht fast \u00fcberall Obdachlose. Nun ruft euch ins Ged\u00e4chtnis: Seid ihr die Menschen, die sich von den Obdachlosen wegdrehen und schnell vorbeilaufen oder die ihnen etwas Geld einwerfen, vielleicht sogar ein paar Worte mit ihnen wechseln? Woher kommt dieser Unterschied zwischen den Verhaltensweisen? Die Erstgenannten vertreten die Meinung, dass die Obdachlosen selbst schuld sind, wenn sie auf der Stra\u00dfe leben m\u00fcssen und es nun alleine ausbaden sollen. Die Letzteren wollen sich entweder die Geschichte des Obdachlosen anh\u00f6ren, um zu verstehen, wie man dazu kommt, auf der Stra\u00dfe zu leben oder man ist schlicht der Meinung, dass die Person nichts f\u00fcr ihre Obdachlosigkeit kann und deswegen Mitleid mit ihr empfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher stelle\nich mir nun die Frage: Ist Obdachlosigkeit selbstverschuldet? So makaber diese\nFrage auch klingen mag, sind sich die Menschen in der Antwort auf diese Frage\ndoch sehr uneinig. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich bin\nin diesem Falle sehr unschl\u00fcssig. Um zu bewerten, ob die Obdachlosigkeit einer\nPerson selbstverschuldet ist, muss man die individuelle Situation genauer\nbetrachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich eine Situation beleuchten, in der man meinen k\u00f6nnte, die Obdachlosigkeit sei nicht selbstverschuldet: Wenn pl\u00f6tzlicher Tod eines Verwandten oder eines Lebensgef\u00e4hrten auftritt und man als Betroffener keine Unterst\u00fctzung hat, weder im psychischen, noch im materiellen Bereich. Dies ist h\u00e4ufig ein Problem bei Jugendlichen und Kindern, denn diese sind im Arbeitsfeld noch nicht abgesichert, f\u00fchlen sich schnell allein und hilflos und lehnen jede Hilfe ab. An sich sind sie ja nicht selbst schuld, wenn eine naheliegende Person sie nicht mehr unterst\u00fctzen kann. Jedoch ist ihr h\u00e4ufigster Fehler, und ja, das ist teilweise selbstverschuldet, dass man die angebotene Hilfe durch das Sozialamt nicht annimmt und sich gegen\u00fcber jeder anderen zuvorkommenden Person verschlie\u00dft. <\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren\nist Arbeitslosigkeit als Ursache f\u00fcr Obdachlosigkeit \u00e4u\u00dferst zwiespaltig.\nEinerseits gibt es Menschen, die mit ihrem erlernten Beruf keine Arbeit finden\nund dann gibt es noch die, die nicht arbeiten wollen. Jedoch ist in beiden\nF\u00e4llen eine gewisse Selbstverschuldung da, denn im ersten Fall kann man\ntrotzdem notgedrungen noch einen anderen Beruf suchen oder erlernen, damit man\nnicht vollst\u00e4ndig ins Arbeitslose versinkt, wobei die Menschen aber nicht\nSchuld sind, dass sie keine passende Arbeit in dem Moment finden. Im zweiten\nFall muss die Person tats\u00e4chlich mit den Konsequenzen leben, die\nArbeitslosigkeit hat, und diese Art des Lebens sucht sie sich ja im Grunde\ngenommen selbst aus. Das, was nicht selbstverschuldet ist, und was viele\nMenschen im Moment der Entscheidung nicht wissen, ist der Teufelskreis, aus dem\nman nicht wieder hinauskommt. So kann man sich diesen vorstellen: Ohne Arbeit\nund damit ohne Zahlungsmittel kann man keinen Mietvertrag unterschreiben,\ndadurch bleibt man obdachlos. Und dadurch, dass man als Obdachloser einen\nschlechten Ruf hat, hat man meist auch keine Chance mehr, von einem Arbeitgeber\nangenommen zu werden. Au\u00dferdem ist es auch f\u00fcr den Arbeitgeber unpraktisch\neinen Menschen ohne eigene Anschrift aufzunehmen und deswegen halten sich diese\nh\u00e4ufig lieber von Obdachlosen fern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die\nObdachlosigkeit aus Krankheitsgr\u00fcnden ist meiner Meinung nach nicht\nselbstverschuldet. Klar, wenn man wegen Alkohol oder Drogenkonsum nicht mehr\narbeiten kann, ist es auch eine Art von Krankheitsgrund, aber in diesem Fall\nmeine ich eher die psychischen St\u00f6rungen oder k\u00f6rperliche Einschr\u00e4nkungen. In\nDeutschland ist in dieser Spalte schon vieles getan worden durch zahleiche\nVersicherungen, aber dennoch werden solche Menschen von der Gesellschaft\nausgesto\u00dfen und schaffen es nicht, sowohl Arbeit als auch damit verkn\u00fcpft eine\nUnterkunft zu finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Menschen,\ndie aus anderen L\u00e4ndern fliehen, sei es aus Vertreibung, Armut, fehlenden\nBildungschancen oder Zerst\u00f6rung ihrer Wohnungen durch Naturkatastrophen,\nstellen auch eine gro\u00dfe Anzahl der Obdachlosigkeit dar. Jedoch k\u00f6nnen diese\nh\u00e4ufig nichts ausrichten, denn sie besitzen meist keinen Anspruch auf die\nRechte in einem Land, in dem sie keine B\u00fcrger sind. Ist diese Art von\nObdachlosigkeit selbstverschuldet? Meiner Meinung nach nicht, denn es gibt f\u00fcr\nsie weder soziale noch wirtschaftliche Hilfe und damit k\u00f6nnen sie auch keine\nArbeit beantragen, die sie zum Beispiel aus mangelnder Sprachkenntnis nicht\nbekommen k\u00f6nnen und Unterst\u00fctzungsgelder zum Lebensunterhalt werden ihnen\nzus\u00e4tzlich auch nicht angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fehlende\nSchulbildung ist zudem auch ein gravierender Faktor, denn daraus resultiert im\nEndeffekt die oben erw\u00e4hnte Arbeitslosigkeit. Doch in Deutschland w\u00fcrde ich\ndiesen Faktor zunehmend der Kategorie \u201eSelbstverschuldete Obdachlosigkeit\u201c\nzuordnen, denn in Deutschland besteht Schulpflicht und jeder Mensch hat\ndieselben Bildungschancen, um sp\u00e4ter auch eine gute Arbeit zu bekommen. In\nanderen L\u00e4ndern, h\u00e4ufig im asiatischen Raum, ist aber die Schulbildung nicht\nf\u00fcr alle bereitgestellt und in diesem Falle tragen die Menschen nicht die\nVerantwortung f\u00fcr ihre fehlende Bildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft werden\naber auch Menschen, vor allem alte Leute, aufgezogen und man nimmt ihnen durch\nBetrug die Wohnung weg, was nicht selbstverschuldet ist, denn diese Betr\u00fcger\nlegen extra alles darauf aus, solchen Menschen, die meist schon selbst Hilfe\nben\u00f6tigen, das Letzte zu nehmen. Dies ist oft in L\u00e4ndern von Zentralasien ein\nProblem, zum Beispiel in den russischen Nachrichten sieht man solche Konflikte\nimmer \u00f6fter. Die Menschen unterschreiben Vertr\u00e4ge, von denen sie keine Ahnung\nhaben oder sich nicht gut dar\u00fcber informiert haben und lassen sich dadurch\nihren Besitz in Form einer Wohnung oder einem Haus wegnehmen. Dadurch landen\nsie auf der Stra\u00dfe und gesetzlich k\u00f6nnen sie meist nicht nachweisen, dass sie\nbetrogen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie man\nsieht, gibt es unterschiedlichste Faktoren, weshalb eine Person obdachlos\nwerden k\u00f6nnte. Oft treten diese in aufgeh\u00e4ufter Form auf und es ist sehr\nschwer, wieder aus der Obdachlosigkeit herauszukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem\nBeitrag wollte ich daran appellieren, dass ihr Obdachlose nicht gleich als\nUnmenschen betrachtet. Ihr m\u00fcsst ihnen zwar kein Geld geben, aber es ist\ndurchaus menschlich sie einmal anzul\u00e4cheln oder mit ihnen zu reden, denn nicht\njeder ist selbst daran schuld, in diese missliche Lage gekommen zu sein. Manche\nandere verstehen aber auch mit der Zeit, dass sie etwas falsch gemacht haben,\nund genau da gilt es, diese Obdachlosen zu unterst\u00fctzen und sie nicht gleich auszusto\u00dfen.\nInsbesondere jugendliche Obdachlose sind zwar meist unnahbar, ben\u00f6tigen aber\ndringend Hilfe. Im Buch \u201eSackgasse Freiheit\u201c von Jana Frey wird die Geschichte\neines Obdachlosen M\u00e4dchens geschildert, in der man nachvollziehen kann, dass\ndurch Misshandlung durch die Eltern und anschlie\u00dfender innerer Verschlossenheit\nObdachlosigkeit entstehen kann und wie schnell so ein Prozess von statten gehen\nkann. Ich empfehle euch dringend, das Buch zu lesen, denn dann bekommt man\neinen ganz anderen Blick auf dieses Thema, weil meistens werden Obdachlose als\nsehr negativ dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als letztes m\u00f6chte ich noch erw\u00e4hnen, dass es manchmal wirklich hilfreich ist, die Geschichte eines Obdachlosen von vorne bis zum Schluss anzuh\u00f6ren, wobei Leeroy auf YouTube schon einen gro\u00dfen Schritt gewagt hat, einen Obdachlosen dar\u00fcber zu interviewen, wie er denn sein Leben auf der Stra\u00dfe beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn meiner Meinung nach ist Obdachlosigkeit nicht immer selbstverschuldet, wie man an den oben genannten Beispielen sehen kann, sondern h\u00e4ngt von der Lebensgeschichte des Einzelnen ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Was denkt\nihr zu dem Thema? Denkt ihr, dass es sich allgemein sagen l\u00e4sst, ob\nObdachlosigkeit selbstverschuldet ist, oder h\u00e4ngt es eurer Meinung nach von der\nSituation ab? <\/p>\n\n\n\n<p>Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p>Obdachlosigkeit\nin Deutschland, aufgerufen am 04.01.2020<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/wohnungslose-obdachlose-1.4545815\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/wohnungslose-obdachlose-1.4545815<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Frey, J. (2001).\nSackgasse Freiheit (2.Aufl.). Bindlach: Loewe Verlag<\/p>\n\n\n\n<p>Interview\nmit einem Obdachlosen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Wie ist das OBDACHLOS ZU SEIN?\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/-nEORAuyi9s?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2017 wurden in Deutschland sch\u00e4tzungsweise 48000 Menschen auf der Stra\u00dfe erfasst (bezogen auf einen Artikel der S\u00fcddeutschen Zeitung). Das sind aber l\u00e4ngst noch nicht alle, denn es gibt auch viele Obdachlose, die bis zum heutigen Zeitpunkt nicht registriert wurden. 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