{"id":5369,"date":"2020-07-12T10:42:44","date_gmt":"2020-07-12T09:42:44","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5369"},"modified":"2020-07-12T14:42:24","modified_gmt":"2020-07-12T13:42:24","slug":"marx-aktuell-oder-doch-passe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5369","title":{"rendered":"Marx: Aktuell oder doch pass\u00e9?"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 5. Mai 2018 j\u00e4hrte sich der Geburtstag des Philosophen Karl Marx zum 200. Mal. Umstritten ist er immer noch. Manche bewundern seinen Weitblick, andere geben Marx die Schuld an kommunistischen Diktaturen. Aber ist seine Philosophie fast 140 Jahre nach seinem Tod \u00fcberhaupt noch relevant, geschweige denn legitim? Im Folgenden werde ich versuchen diese durchaus komplexe Frage zu beantworten.<br>Marx, der im pers\u00f6nlichen Umgang mitunter schwierig gewesen sein soll, z\u00e4hlt sicher zu den ber\u00fchmtesten Deutschen. In allen Teilen der Welt haben sich die Revolution\u00e4re auf ihn berufen , oft vermutlich, ohne seine Theorie verstanden, geschweige denn \u00fcberhaupt gelesen zu haben. In seinem Namen ist viel Unrecht beseitigt worden , und neues, wom\u00f6glich teilweise noch schlimmeres geschaffen worden. Trotzdem h\u00e4tte uns Karl Marx heute noch etwas zu sagen. <br>Zun\u00e4chst einmal ein klares Ja: Der Marxismus hat heute noch eine Bedeutung. Es ist aber nicht so, wie manche selbsternannte Marxisten meinen, dass die Aussagen seiner B\u00fccher auf die Gegenwart \u00fcbertragbar w\u00e4ren, seine Methoden und Theorien insofern aktuell oder gar bewiesen w\u00e4ren. Die gro\u00dfe historische Leistung von Karl Marx besteht darin, dass er die Schattenseiten des aufstrebenden Kapitalismus, die ungleiche Verm\u00f6gensverteilung, die Ausbeutung und Ausnutzung der Arbeiter bewusst gemacht hat. Seine Antwort darauf war der Klassenkampf, die Aufforderung an alle Unterdr\u00fcckten, sich zusammenzuschlie\u00dfen und auf die irgendwann notwendigerweise kommende Umw\u00e4lzung zu vertrauen. Insofern bot Karl Marx f\u00fcr die Schwachen und Gepeinigten eine Art Religionsersatz, eine Lehre, die ihnen Hoffnung machen konnte auf einen aus seiner Sicht zwangsl\u00e4ufigen Wechsel zu Sozialismus und Kommunismus. Der Kapitalismus, so lautete seine Lehre, geht irgendwann nat\u00fcrlich zugrunde, als historische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit. Aber die Abh\u00e4ngigen h\u00e4tten den Auftrag, sich f\u00fcr die Umschwung zu einer neuen Zeit st\u00e4ndig zu r\u00fcsten. Das Marx\u2019sche Klassenmodell ist geeignet, gravierende Machtunterschiede und Benachteiligungen erkennbar zu machen. Es \u00fcberspitzt, teilt in Freund und Feind, vereinfacht und generalisiert. Damals, als er seine Werke schrieb, mag das eine Bereicherung gewesen sein \u2013 Marx befreite die Philosophie von abgehobenen, lebensfernen und die Probleme der Menschen vernebelnden Diskussionen. Gleichzeitig schuf er mit Dialektik und Materialismus ein Modell zur Erkl\u00e4rung der Verh\u00e4ltnisse. Das half, die wirklichen Sorgen und N\u00f6te der Leute in den Mittelpunkt der Wissenschaft und der Politik zu r\u00fccken. Trotzdem war dieser Ansatz nicht nur segensreich. Mit der Dialektik wurde eine neue Glaubenslehre geschaffen: Er sagte den Geknechteten, dass ihnen irgendwann bessere Zeiten bevorst\u00fcnden. Mit dem Materialismus wurde zugleich eine gef\u00e4hrliche Abwertung des politischen Diskurses verkn\u00fcpft: F\u00fcr Marx kam es allein auf die Produktionsverh\u00e4ltnisse und die Eigentumsverh\u00e4ltnisse an. Wer etwas besitzt, hat Macht \u00fcber andere. Besitz- und Machtverh\u00e4ltnisse waren f\u00fcr ihn entscheidend, alles andere wollte er nur davon ableiten. Er teilte nach der \u00f6konomischen Rolle in Klassen ein. Die b\u00f6sen Kapitalisten hier, das gute Proletariat dort. Und er sprach von der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c, also davon, dass \u201edie da unten\u201c sich \u00fcber \u201edie da oben\u201c erheben sollten, also wie in einem Rollentausch. Wenn das Eigentum an Fabriken und die Herrschaft \u00fcber die Arbeitsverh\u00e4ltnisse neu verteilt w\u00fcrden, dann werde das Leben f\u00fcr alle besser. Denn f\u00fcr Marx bestimmte das Sein das Bewusstsein. Ob einer gut oder schlecht war, hing von seiner \u00f6konomischen Rolle ab, von seinem Stellenwert im Arbeitsprozess. Zur Interpretation von gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen ist diese Sichtweise vorteilhaft, erm\u00f6glicht sie es doch, hinter die Kulissen vorgeblicher gro\u00dfer Gedankengeb\u00e4ude zu blicken. Zugleich bedeutet sie aber eine Geringsch\u00e4tzung des intellektuellen Disputs, des Widerstreits unterschiedlicher Ansichten. Mag sein, dass dies jetzt arg vereinfacht geschildert wird. Aber jede komplizierte Theorie, die an wichtigen Stellen Unklarheiten und grobe Verzerrungen zul\u00e4sst, ist eben gef\u00e4hrlich. Wie gef\u00e4hrlich die Theorie von Marx war, zeigte sich in der Blutherrschaft der Bolschewisten, vor allem unter Stalin, in der Sowjetunion, sp\u00e4ter auch in China unter dem Massenm\u00f6rder Mao, sp\u00e4ter in anderen Teilen der Welt. In Nordkorea und Venezuela berufen sich undemokratische Herrscher auf ihn. Die ganzen Errungenschaften der aufgekl\u00e4rten Philosophen vor Marx, die Gewaltenteilungslehre von Montesquieu, die Ethik von Kant, die Erkenntnistheorie von Locke, hat der Urvater der modernen Kommunisten beiseite gewischt. Die B\u00fcrgerrechte, die Regeln der Demokratie und des Parlamentarismus \u2013 sie mussten wertlos werden, wenn es nur noch darum ging, die herrschende Klasse durch die beherrschte Klasse zu ersetzen, und wenn dazu Gewalt als legitimes Mittel angesehen wurde. Es lag auch an Marx, dass ein Lenin seine Theorie daran ankn\u00fcpfen konnte \u2013 eingesetzt zur zu dem Zweck, seiner Clique von Gleichgesinnten mit m\u00f6glichst eing\u00e4ngigen Erkl\u00e4rungen den Aufstieg zur Herrschaft zu erm\u00f6glichen. Die Marxisten m\u00f6gen Marx ebenfalls zugutehalten, dass es ohne ihn vermutlich keine starken Arbeiterparteien in Europa gegeben h\u00e4tte, kein einigendes Band f\u00fcr jene, die sich Sozialisten oder auch Sozialdemokraten nennen. Ohne solche Parteien eben herrschte hierzulande vermutlich der Kapitalismus pur, nicht die soziale Marktwirtschaft. Dass SPD wie Union als \u201esozialdemokratische\u201c Parteien eingestuft werden, h\u00e4ngt auch mit den Folgen des Wirkens von Marx zusammen. Aber es gibt auch die Negativ-Bilanz, die erw\u00e4hnt werden muss. Der Aufbruch der \u201e68er\u201c vor f\u00fcnfzig Jahren f\u00f6rderte eine Bewegung, die zutiefst intolerant und dogmatisch agierte, ganz so, als f\u00fchle man sich nicht nur im Besitz der alleinigen Wahrheit, sondern habe zudem auch noch die Freiheit der Wahl aller m\u00f6glichen Mittel. Ist der Dogmatismus der Marx\u2019schen Thesen daran schuld? Bedingt, denn wenn seine Theorie vertr\u00e4glicher, toleranter, aufgekl\u00e4rter gewesen w\u00e4re, dann h\u00e4tten die revoltierenden Studenten damals wom\u00f6glich jemand anders als Vorbild gew\u00e4hlt. Immerhin: Sie zogen ja auch nicht mit Marx-Rufen durch die Stra\u00dfen, sondern skandierten \u201eHo-ho-ho-Chi-Minh\u201c. Ja, das ist nun eine Folge des Klassenkampfes. Der Diktatur aus Vietnam war nun mal der Feind des Feindes, der USA, und damit ein Guter. An dieser Denkweise jedenfalls kann man Marx schon eine Mitschuld attestieren. \u00d6konomisch lag Marx unterm Strich ebenso falsch. Das kapitalistische System erwies sich als wandelbar, die Demokratie erzwang eine Gesetzgebung, die auf die Bed\u00fcrfnisse der Arbeitnehmerschaft abgestimmt war. Zusammengebrochen sind \u2013 bis auf einige \u2013 die Systeme, die sich auf Marx beriefen und im Namen der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c ihre Herrschaft rechtfertigten. Ein gro\u00dfer Denker war Marx f\u00fcrwahr, ein leuchtendes Vorbild? Sicherlich nicht. Karl Marx war ein wichtiger deutscher Philosoph und \u00d6konom. Aber er war auch Antisemit und Wegbereiter grausamer Diktaturen. Nach Meinung vieler tauge er deshalb  als Vorbild nach wie vor nicht. Des Weiteren gab Marx damals den Schwachen eine Stimme und machte im beginnenden Kapitalismus auf Unrecht aufmerksam. Manches ist heute noch lesenswert, zum Beispiel seine Warnung vor Disproportionalit\u00e4ten, wenn sich der Wert von der materiellen Realit\u00e4t abkoppelt. Anderes muss heute revidiert werden. Der Preis eines Artikels wird eben nicht wie von Marx beschrieben allein vom enthaltenen Arbeitseinsatz widergespiegelt. Das geh\u00f6rt aber in den rein \u00f6konomischen Diskurs. F\u00fcr Marx\u2018 gesellschaftliche Bedeutung m\u00fcssen auch die Folgen seines Wirkens und der Philosoph selbst in Augenschein genommen werden. Und hier d\u00fcrfte vielen nicht gefallen, was dabei zu sehen ist. Zudem war Marx kein Freund der Freiheit, er war ein Bef\u00fcrworter der Diktatur. F\u00fcr Marx war der Klassenkampf ein zentrales Element, die verhasste Bourgeoisie sollte unterdr\u00fcckt werden. Auch wenn Marx, anders als Che Guevara, das Gewehr nicht selbst in Hand nahm, hat er in seinen Schriften Gewalt und Unterdr\u00fcckung propagiert. Marx war kein Freund der Freiheit, er war ein Bef\u00fcrworter der Diktatur. Das Proletariat solle als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverh\u00e4ltnisse aufheben, schrieben Marx und Engels 1848. F\u00fcr Marx war der Klassenkampf ein zentrales Element, die verhasste Bourgeoisie sollte unterdr\u00fcckt werden. Damit war er eben doch ein totalit\u00e4res Vorbild f\u00fcr Lenin, Stalin oder auch Mao. Es hatte seine Gr\u00fcnde, warum Marx in Zeiten der Teilung Deutschlands in Ost und West auf beiden Seiten unterschiedlich gesehen wurde. Die westliche Skepsis gegen\u00fcber dem Philosophen aus Trier ist auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall angebracht. Sein Klassenmodell ist zudem auf das heutige Deutschland so nicht mehr \u00fcbertragbar, auch wenn die politische Linke das nach wie vor propagiert und immer noch in Klassen denkt. Marx hat mit einer sozialen Marktwirtschaft nicht das Geringste zu tun. Noch unsch\u00f6ner wird es, wenn man sich dem Menschen Karl Marx n\u00e4hert. Denn er war nicht nur ein aggressiver Schmarotzer mit chronischen Geldsorgen und privat wenig vorbildlich oder gar f\u00fcrsorglich. In seinen Schriften findet sich auch immer wieder Antisemitismus. Seine Rezension \u201eZur Judenfrage\u201c nannte Hannah Arendt ein klassisches Werk des Antisemitismus der Linken. Und an den Schriftsteller Arnold Ruge schrieb Marx: \u201eDas Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf.\u201c Wie antisemitisch Marx war, wird in der Wissenschaft bis heute kontrovers diskutiert. Frei von Schuld ist er aber auf jeden Fall nicht. Karl Marx bleibt eine umstrittene Person der deutschen zeit- und Kulturgeschichte. Respekt ist auch heute noch vor seinem Werk angebracht. Eine gr\u00f6\u00dfere Relevanz sollte ihm aber nicht zuteilwerden. Vielleicht sollten wir genau deshalb anfangen \u00fcber eine Art &#8222;Sozial-Kapitalismus&#8220; nachzudenken. <br><br>Quellen:<br>&#8211; Brockhaus Enzyklop\u00e4die Band 6 NAZ-MIZ (S.399-320) Leipzig Baden Baden Brockhaus GmbH<br>&#8211; https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fvtq8zyYpqs<br>&#8211; https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fjtHD2xNhok<br>&#8211; https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pQNR0cgd5bg<br>&#8211; https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl-Marx-Statue_(Trier)<br>&#8211; https:\/\/www.zeit.de\/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fgesellschaft%2Fzeitgeschehen%2F2018-05%2Ftrier-200-geburtstag-karl-marx-statue-enthuellung<br>&#8211; https:\/\/www.zeit.de\/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fentdecken%2Freisen%2Fmerian%2Fkarl-marx-denkmal-geburtsstadt-trier-kapital<br>&#8211; https:\/\/www.bpb.de\/geschichte\/deutsche-geschichte\/68er-bewegung\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. 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