{"id":5708,"date":"2021-01-01T17:03:02","date_gmt":"2021-01-01T16:03:02","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5708"},"modified":"2021-09-03T13:02:33","modified_gmt":"2021-09-03T11:02:33","slug":"wer-sollte-ueber-das-leben-eines-todkranken-kindes-entscheiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=5708","title":{"rendered":"Wer sollte \u00fcber das Leben eines todkranken Kindes entscheiden?"},"content":{"rendered":"\n<p><meta charset=\"utf-8\">(S\u00fc: Bild entfernt, Urheberrechtsversto\u00df!!! Bitte gr\u00fcndlicher nachlesen!)<\/p>\n\n\n\n<p>Erst vor kurzem stand ein Artikel \u00fcber ein todkrankes M\u00e4dchen in der Zeitung. Ihr Name ist Pippa, sie ist 5 Jahre alt und lebt in Gro\u00dfbritannien. Sie leidet an einer akuten nekrotisierenden Enzephalopathie. Enzephalopathie ist ein Sammelbegriff f\u00fcr krankhafte Zust\u00e4nde des Gehirns. Ausl\u00f6ser war eine schwere Grippeerkrankung. Seit Januar 2019 liegt sie in einer Art Wachkoma und muss k\u00fcnstlich beatmet werden. Die \u00c4rzte wollen nun nach fast zwei Jahren die lebenserhaltenden Ma\u00dfnahmen einstellen, da sie sich sicher sind, dass die Hirnsch\u00e4den irreparabel sind und keine Besserung des Zustandes mehr eintreten k\u00f6nne. Pippa k\u00f6nne kein Vergn\u00fcgen mehr sp\u00fcren, weshalb es f\u00fcr sie nutzlos w\u00e4re, weiter k\u00fcnstlich am Leben erhalten zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch ab wann ist ein Leben \u201enutzlos\u201c oder \u201esinnlos\u201c? Wann kann man ein Leben als \u201elebenswert\u201c bezeichnen? Und vor allem wer entscheidet \u00fcber diese Frage? Ich pers\u00f6nlich finde, dass es f\u00fcr diese Fragen nicht wirklich eine eindeutige Antwort gibt. Einige sind davon \u00fcberzeugt, dass Behinderte kein lebenswertes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, bzw. der Pflegeaufwand nicht im Verh\u00e4ltnis zur Lebensfreude des Individuum steht. Dies zeigt sich am Beispiel der Fruchtwasseruntersuchung, bei der der F\u00f6tus auf Trisomie-21 getestet wird und einige Eltern sich dann nach einem positiven Ergebnis oftmals f\u00fcr eine Abtreibung entscheiden. Andere finden es hingegen noch nicht sinnlos, wenn jemand schon jahrelang im Koma liegt, da immer noch ein Funken Hoffnung in den Angeh\u00f6rigen steckt. Ich finde, wenn man sich nur noch qu\u00e4lt und auch keine positiven Emotionen mehr sp\u00fcren kann, ist das Leben nicht mehr sehr lebenswert. Sind es nicht die Emotionen, die unser Leben pr\u00e4gen? Aber ich denke kein Au\u00dfenstehender kann die Frage beantworten, ab wann ein Leben eines anderen Menschen nicht mehr lebenswert ist. Die Entscheidung f\u00fcr sich selbst zu treffen, ist etwas anderes, als die Entscheidung f\u00fcr eine andere Person zu \u00fcbernehmen, da ich mir einfach nicht vorstellen kann, diese Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Ich denke weder \u00c4rzte, noch Eltern, noch Gott oder sonst wer, kann das wirklich entscheiden, denn es gibt immer pro und contra Seiten bei so einer unumkehrbaren Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mutter hat 2017 schon ihren Mann verloren. Nun will sie wenigstens f\u00fcr das Leben ihrer Tochter k\u00e4mpfen und zieht deshalb vor Gericht. Ihr gr\u00f6\u00dfter Wunsch ist es, dass Pippa wieder zu ihr nach Hause kann: \u201eWenn es eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr sie gibt, nach Hause zu kommen, dann ist es das, was Gott wollen w\u00fcrde.\u201c &nbsp;Um das zu erm\u00f6glichen, w\u00e4ren ein Luftr\u00f6hrenschnitt und ein mobiles Beatmungsger\u00e4t notwendig. Ihre Hoffnung besteht darin, dass es in Zukunft neue Erkenntnisse in der Medizin geben k\u00f6nnte, die Pippa helfen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich hat an diesem Artikel am meisten verwundert, dass die \u00c4rzte in Eigenverantwortung die Ger\u00e4te abstellen wollen und die Mutter deshalb vor Gericht zieht muss, um dies zu verhindern. In Deutschland w\u00e4re das nicht m\u00f6glich gewesen, denn wir haben gelernt, mit schwer behinderten Patienten anders umzugehen. Bei uns entscheiden die Eltern oder Angeh\u00f6rige eines todkranken Kindes, ob es weiter am Leben bleiben soll oder nicht. Im Fall von Erwachsenen k\u00f6nnen dies auch Personen sein, die vom Patienten eine Generalvollmacht erhalten haben. In Gro\u00dfbritannien sieht das anders aus: In der Regel sind es die Mediziner, die entscheiden, was f\u00fcr das Wohl des Kindes am besten sei. Sie sind also davon \u00fcberzeugt, dass sie besser entscheiden k\u00f6nnen, als die Eltern, was f\u00fcr das Kind am besten ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwar beraten die \u00c4rzte in Deutschland die Eltern, jedoch k\u00f6nnen sie nicht ohne deren Zustimmung die Ger\u00e4te abschalten. Es wird vermutet, dass hinter den Entscheidungskriterien der \u00c4rzte nicht nur ethische Gesichtspunkte er\u00f6rtert werden, sondern auch Fragen zur Kosten\u00fcbernahme der lebenserhaltenen Ma\u00dfnahmen, oder inwieweit die limitierten Ressourcen im Krankenhaus zur Entscheidungsfindung beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine klassische Krankenversicherung gibt es in England nicht. Das Gesundheitssystem wird vom NHS (nationalen Gesundheitssystem) organisiert. Dadurch hat jeder B\u00fcrger freien Zugang zu medizinischer Versorgung. Jedoch ist nicht genau definiert, welche Leistungen die Versicherungen wirklich \u00fcbernehmen, es hei\u00dft nur, dass \u201e<em>Leistungen in dem Ausma\u00df zur Verf\u00fcgung gestellt werden sollen, wie es erforderlich ist, um alle begr\u00fcndeten Anforderungen zu befriedigen<\/em>\u201c. Es ist also nicht mit der gesetzlichen Krankenkasse zu vergleichen, die wir in Deutschland haben. Hier ist es so, dass jeder Mensch krankenversichert sein muss. Dabei h\u00e4ngen die Beitr\u00e4ge vom Einkommen und von der Versicherung ab.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gro\u00dfbritannien \u00fcbernimmt im Normalfall die Krankenkasse die Bezahlung der lebenserhaltenden Ma\u00dfnahmen. Jedoch ist dies nicht zwingend immer so, es h\u00e4ngt von der jeweiligen Krankenkasse ab und der Genesungschance, die der Patient hat. Seit 2018 wurde beschlossen, dass sich bei Einigung zwischen \u00c4rzten und Eltern, die Ma\u00dfnahmen ohne Gerichtsbeschluss eingestellt werden d\u00fcrfen. Sollte es nicht zur Einstimmigkeit kommen, m\u00fcssen weiterhin die Gerichte dar\u00fcber entscheiden. Vor diesem Beschluss durfte man nicht ohne richterliche Erlaubnis die Ger\u00e4te abschalten. In Deutschland k\u00f6nnen Eltern von einem Gericht nur entm\u00fcndigt werden, wenn sie ihrem Kind absichtlich Schaden zuf\u00fcgen wollen. Doch was passiert, wenn die Eltern die Behandlung, z.B. aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden untersagen, obwohl ihr Kind eine Chance auf Heilung oder Besserung h\u00e4tte? D\u00fcrften die \u00c4rzte dann trotzdem das Kind behandeln? Wie das offiziell geregelt ist, ist mir nicht bekannt, doch ich denke mir, dass es in Deutschland den \u00c4rzten dann untersagt ist, das Kind zu behandeln, zumindest wenn die Eltern ihrem Kind keinen eindeutigen Schaden zuf\u00fcgen wollen. Ich finde, dass ein Kind, vor allem wenn es die Chance auf eine Genesung hat, die Behandlung bekommen sollte, auch wenn die Eltern dagegen sind. Denn jeder hat ein Recht darauf zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich stellt sich nun die Frage, wem eher die Entscheidung \u00fcber Leben oder Tod des Kindes zustehen w\u00fcrde \u2013 den Eltern oder den \u00c4rzten?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Gro\u00dfbritannien, d\u00fcrfen \u00c4rzte in Deutschland ohne Einwilligung der Eltern, die lebenserhaltenden Ger\u00e4te nicht abstellen. Ich finde das gut so, denn die Eltern haben schlie\u00dflich das Sorgerecht, also sollten sie auch entscheiden d\u00fcrfen, wie lange ihr Kind behandelt wird. Es sollte das Recht aller Eltern sein, selber entscheiden zu k\u00f6nnen, was sie f\u00fcr richtig halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer gemeinsam getroffenen Entscheidung von \u00c4rzten und Eltern die Ger\u00e4te abzustellen, werden Eltern vermutlich eher damit klar kommen und ihren Frieden finden, als wenn fremde \u00c4rzte das ohne ihre Einwilligung beschlie\u00dfen. Es wird dann sicherlich viele Eltern geben, denen es zwar bewusst ist, dass es keinen Sinn mehr hat die Ger\u00e4te weiter laufen zu lassen, sie jedoch darauf bestehen, weil sie es nicht schaffen loszulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrden nur \u00c4rzte entscheiden, w\u00e4re dies vermutlich eher eine Kosten\/Nutzen-Entscheidung, als eine ethische ,da sie nicht den emotionalen und famili\u00e4ren Bezug zu dem Kind haben und ihnen deshalb das Abschalten der Ger\u00e4te weniger ausmachen w\u00fcrde, als den Eltern. Nur ist es f\u00fcr jeden schwer vorstellbar, dass jemand anderes dar\u00fcber entscheidet, ob das eigene Kind weiter am Leben gehalten wird oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke dass es das Beste w\u00e4re, wenn \u00c4rzte die Eltern beraten und auch Entscheidungsvorschl\u00e4ge darlegen, aber schlussendlich trotzdem die Eltern entscheiden d\u00fcrfen, ob die Ger\u00e4te an bleiben oder nicht. Durch das Gespr\u00e4ch kann den Eltern, denen der Abschied schwer f\u00e4llt, bewusst gemacht werden, dass es z.B. eher eine Qual oder aussichtslos f\u00fcr das Kind ist. Vielleicht w\u00fcrde ihnen das doch die Augen \u00f6ffnen und sie sehen ein, dass es besser f\u00fcr das Kind ist, die lebensverl\u00e4ngernden Ma\u00dfnahmen zu beenden. Ist dies nicht der Fall und die Eltern sehen es nicht ein, ihr Kind gehen zu lassen, sollte diese Entscheidung ebenfalls akzeptiert und respektiert werden. Denn f\u00fcr keinen ist der Abschied leicht und ich finde, wenn die M\u00f6glichkeit besteht auf eine Besserung zu hoffen, sollte man dies auch tun d\u00fcrfen, egal wie sinnlos es die \u00c4rzte f\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ihr nun in der Lage der Mutter w\u00e4rt, wie w\u00fcrdet ihr euch entscheiden? W\u00fcrdet ihr auch f\u00fcr die weitere Behandlung k\u00e4mpfen oder die Entscheidung der \u00c4rzte hinnehmen? Kann man ein Menschenleben mit einer Kosten\/Nutzen-Rechnung beurteilen? Wer darf sich \u00fcberhaupt anma\u00dfen \u00fcber Leben und Tod eines anderen Menschen zu entscheiden?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier noch ein Video mit Beweggr\u00fcnden von Seiten der Mutter und den \u00c4rzten, sowie ihre Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/youtu.be\/rI_XJ8Tqgr0\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.rtl.de\/cms\/london-gericht-soll-entscheiden-ob-schwerkranke-pippa-5-leben-darf-4669884.html\">London: Gericht soll entscheiden, ob schwerkranke Pippa (5) leben darf (rtl.de)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.suedkurier.de\/ueberregional\/panorama\/leben-oder-sterben-lassen-warum-ein-gericht-in-london-ueber-das-schicksal-der-kleinen-pippa-entscheidet;art409965,10691813\">Gro\u00dfbritannien: Leben oder sterben lassen? Warum ein Gericht in London \u00fcber das Schicksal der kleinen Pippa entscheidet | S\u00dcDKURIER Online (suedkurier.de)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.aerztezeitung.de\/Politik\/Abbruch-der-lebenserhaltenden-Massnahmen-ohne-Gerichts-Plazet-moeglich-225333.html\">Abbruch der lebenserhaltenden Ma\u00dfnahmen ohne Gerichts-Plazet m\u00f6glich (aerztezeitung.de)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.wunderweib.de\/maedchen-5-ein-gericht-muss-ueber-ihr-leben-oder-tod-entscheiden-112972.html\">M\u00e4dchen (5): Gericht muss \u00fcber Leben oder Tod entscheiden | Wunderweib<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(S\u00fc: Bild entfernt, Urheberrechtsversto\u00df!!! Bitte gr\u00fcndlicher nachlesen!) Erst vor kurzem stand ein Artikel \u00fcber ein todkrankes M\u00e4dchen in der Zeitung. Ihr Name ist Pippa, sie ist 5 Jahre alt und lebt in Gro\u00dfbritannien. Sie leidet an einer akuten nekrotisierenden Enzephalopathie. Enzephalopathie ist ein Sammelbegriff f\u00fcr krankhafte Zust\u00e4nde des Gehirns. Ausl\u00f6ser war eine schwere Grippeerkrankung. 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