{"id":6334,"date":"2022-01-02T21:18:00","date_gmt":"2022-01-02T20:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=6334"},"modified":"2022-01-02T21:36:43","modified_gmt":"2022-01-02T20:36:43","slug":"ist-das-deutsche-schulsystem-fuer-die-heutige-zeit-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=6334","title":{"rendered":"Ist das deutsche Schulsystem f\u00fcr die heutige Zeit gemacht?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Schule wurde ca. im 18.\/19. Jahrhundert eingef\u00fchrt um B\u00fcrger \u201eauszubilden\u201c, die vielseitig einsetzbar sind und am besten die Politik nicht hinterfragen. Nat\u00fcrlich gab es bis heute Ver\u00e4nderungen, z.B. der 45 Minuten lange Unterricht oder die Notengebung, aber die Grundidee ist in den meisten F\u00e4llen immer noch gleich: Der Sch\u00fcler soll dem Lehrer zuh\u00f6ren und somit passiv am Unterricht teilnehmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ist dieses Modell in einer Zeit mit Problemen wie der Klimakatastrophe oder Corona noch hilfreich oder sinnvoll?<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst Seneca meinte schon, dass man in der Schule nicht f\u00fcr das Leben sondern f\u00fcr die Schule lernt (Non vitae sed scholae&nbsp; discimus).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stimme dem zu. Und viele anderen auch. Das, was ich f\u00fcr eine Klausur an Wissen ben\u00f6tige wird vorher nochmals gelernt und danach direkt wieder vergessen. Diese Art des Lernens wird Bulimie-Lernen genannt. Das bringt den Sch\u00fclern nicht viel f\u00fcr das sp\u00e4tere Leben. Es werden zwar wichtige Dinge wie Lesen, Schreiben oder Rechnen gelernt, aber muss ich in 20 Jahren wissen, au\u00dfer vielleicht bei \u201eWer wird Million\u00e4r\u201c, zu welcher Wortart \u201eflei\u00dfig\u201c geh\u00f6rt?Ich sch\u00e4tze mal nicht und ich sch\u00e4tze auch, dass es der Gro\u00dfteil der Menschen nicht wei\u00df, zu welcher Wortart \u201eflei\u00dfig\u201c geh\u00f6rt (es ist ein Adjektiv).<\/p>\n\n\n\n<p>Manche drehen das Zitat von Seneca auch um: Nicht f\u00fcr die Schule, sondern f\u00fcr das Leben lernen wir. Wenn das so, w\u00e4re w\u00fcrde ich doch auch jetzt schon einiges im Alltag benutzen, dass ich in der Schule gelernt habe. Das ist aber nicht besonders h\u00e4ufig der Fall. Abgesehen vom Lesen, Schreiben und Rechnen benutze ich nichts von dem, was ich in der Schule gelernt habe. Nat\u00fcrlich gibt es Sch\u00fcler die auf gelerntes zur\u00fcckgreifen, aber ich denke diese sind nicht in der Mehrzahl.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was allerdings hilfreich w\u00e4re und Dinge, die wir wirklich f\u00fcr unser Leben brauchen, w\u00e4ren, dass man lernt wie man eine Steuererkl\u00e4rung schreibt oder wie man sein Geld vermehrt ohne dauerhaft daf\u00fcr arbeiten zu m\u00fcssen. Uns wird immer gesagt, dass wir gute Noten schreiben m\u00fcssen und uns in der Schule anstrengen m\u00fcssen, damit wir irgendwann einen guten Job bekommen um viel Geld zu verdienen, aber uns wird nicht gesagt, dass man auch ohne 40 Stunden in der Woche und das sein ganzes Leben lang, genug oder zumindest nebenher Geld bekommen kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie es besser w\u00e4re anstatt sich im Sportunterricht, wo die Benotung ohnehin schon am wenigsten fair ist, zu \u00fcberanstrengen, zu lernen wie man gesund lebt und wie man das auch in den Alltag einbauen kann. Genau das k\u00f6nnte man auch zu Teilen mit Biologie verbinden, wo man dann auch sehen kann, was z.B. im K\u00f6rper bei Muskelaufbau passiert oder wie man sich gesund und ausgewogen ern\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso sollte die Kreativit\u00e4t von Sch\u00fclern nicht eingegrenzt oder gar abgeschafft werden. Es sollte die Neugier gef\u00f6rdert werden. Albert Einstein, zum Beispiel, wurde der Zugang zur damals Eidgen\u00f6ssischen Polytechnischen Hochschule (sp\u00e4ter ETH) verwehrt, weil seine Leistung in anderen F\u00e4chern als Physik und Mathe zu schlecht war. So gibt es genug ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten, die nicht besonders gut in der Schule waren oder es jedenfalls nicht mochten, dort hin zu gehen, aber offensichtlich hat der Schulbesuch ihnen nicht so viel gebracht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dreiviertelstunden Unterricht und Klassenarbeiten sind das Gegenteil von F\u00f6rderung der Kreativit\u00e4t und somit auch der F\u00f6rderung des Einzelnen und die Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit von Kindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kind verbringt ca. 13000 Stunden seines Lebens im Unterricht und das ohne die zus\u00e4tzlichen Stunden die es f\u00fcr Hausaufgaben oder lernen braucht. Und wie viel wei\u00df man nach f\u00fcnf oder zehn Jahren? Der Psychologe Thomas St\u00e4dtler sch\u00e4tzt, dass ca. ein Prozent, wenn man Wissensfetzen oder Schlagw\u00f6rter, mit denen man noch wenige Verbindungen machen kann, dazuz\u00e4hlt, dann vielleicht noch f\u00fcnf Prozent des Schulstoffes h\u00e4ngengeblieben sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet, dass in Lehrpl\u00e4nen viel zu viel drin steht, was man eigentlich gar nicht braucht und man sich somit auch nicht merkt. Die Bildungspolitik hat es halt so entschieden. Aber anstatt, dass Lehrpl\u00e4ne von unn\u00f6tigem befreit werden, dass man sowieso nicht braucht oder nach f\u00fcnf Jahren wieder vergessen hat, f\u00fcgt man einfach noch mehr hinzu, das man wieder vergisst.<\/p>\n\n\n\n<p>Was k\u00f6nnte man dagegen tun? Man k\u00f6nnte den Lehrplan auf das Wichtigste beschr\u00e4nken, damit man sich l\u00e4nger und intensiver mit einem Thema auseinandersetzen kann, weil wenn man ein paar Dinge verstanden hat wei\u00df man mehr, als wenn man ganz viele Themen nur kurz angeschnitten hat und diese wieder vergisst. Man k\u00f6nnte das mit dem Fahrrad fahren vergleichen: Wenn man es lange \u00fcbt und es gut kann, sich aber lange Zeit nicht auf das Rad setzt, kann man es danach trotzdem noch, aber wenn man es nur einmal mit St\u00fctzr\u00e4dern probiert, wird man den Fortschritt sofort wieder vergessen und man kann beim n\u00e4chstenmal nochmal von vorne anfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier muss man sich nat\u00fcrlich auch fragen, was \u201eBildung\u201c bedeutet. Humboldt definierte die Bildung als \u201edie Anregung aller Kr\u00e4fte des Menschen, damit diese sich \u00fcber die Aneignung der Welt entfalten und sich zu einer sich selbst bestimmenden Individualit\u00e4t und Pers\u00f6nlichkeit f\u00fchren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann Bildung nicht f\u00fcr jeden gleich definierten F\u00fcr mich ist Bildung Wissen, das man nicht so schnell vergisst und auch der Weg des Wissenserwerbs. Was dem jetzigen Schulsystem sehr weit widerspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>G8 einzuf\u00fchren ist genau das Gegenteil von dem, was unter anderem auch n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, der Lehrer hat nun weniger Zeit um den Kindern mehr Schulstoff beizubringen. Der Lehrer hat somit weniger Zeit, um auf die Sch\u00fcler individuell einzugehen. So brauchen viele Sch\u00fcler in Deutschland Nachhilfe. 57 Prozent der gesamten Nachhilfe Deutschlands wird in Mathe gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht, dass das Schulsystem gar nicht daf\u00fcr gemacht ist, um Kinder und Jugendliche zu f\u00f6rdern. Klassenarbeiten dienen auch nicht, um zu sehen wo ein Sch\u00fcler Probleme hat und, dass der Lehre daf\u00fcr sorgt, dass er die n\u00f6tige Hilfe bekommt. Die Noten dienen lediglich dazu, dass die \u201eschlechten\u201c herausgefiltert werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie eben erw\u00e4hnt, entscheidet die Politik \u00fcber das, was im Lehrplan steht und auch wie die Kinder lernen. Aber warum machen das nicht P\u00e4dagogen, Entwicklungspsychologen und Lerntheoretiker? Die w\u00fcrden doch zusammen danach schauen, wie man in welchem Alter am besten lernt, damit das gelernte dann auch nicht vergessen wird. Die Politik will diese Aufgabe aber nicht abgeben, weil sich sich schon daran gew\u00f6hnt haben, dass sie auch \u00fcber die \u201eBildung\u201c entscheiden k\u00f6nnen und wollen diese Macht deshalb nicht abgeben, auch wenn sich der Gro\u00dfteil der Menschen \u00fcber das Schulsystem beschwert.<\/p>\n\n\n\n<p>Moderne Probleme brauchen moderne Antworten. Aber wie genau sollen \u201emoderne Antworten\u201c auf Dinge wie die Klimakatastrophe gefunden werden, wenn Kindern heute die Kreativit\u00e4t und die Neugier genommen wird, um auf neue Ideen zu kommen, von einem veralteten Schulsystem?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist offensichtlich, dass sehr viel am Schulsystem ge\u00e4ndert werden muss. Man k\u00f6nnte quasi die Schule \u201eniederrei\u00dfen\u201c und zusammen mit P\u00e4dagogen, Entwicklungspsychologen und Lerntheoretikern eine komplett neue Lernanstalt, ob sie nun Schule hei\u00dft oder nicht, gestalten oder man k\u00f6nnte zumindest den \u201eBildungs\u201c Plan \u00e4ndern, damit die Kinde wirklich \u201ef\u00fcr das Leben lernen und nicht f\u00fcr die Schule\u201c und damit sie Gelerntes auch nicht innerhalb von f\u00fcnf bis zehn Jahren vergessen haben.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Precht, Anna, die Schule und der liebe Gott (2010)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Non_vitae_sed_scholae_discimus\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Non_vitae_sed_scholae_discimus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.einstein-website.de\/\">https:\/\/www.einstein-website.de\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>St\u00e4dtler (2010, S. 9-10)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schule wurde ca. im 18.\/19. 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