{"id":7123,"date":"2023-06-26T22:54:08","date_gmt":"2023-06-26T20:54:08","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=7123"},"modified":"2023-06-26T22:54:08","modified_gmt":"2023-06-26T20:54:08","slug":"anti-anti-semitismus-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=7123","title":{"rendered":"Anti-Anti-Semitismus in Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p><em><u>Berlin der 3.12.2023, 18:30<\/u><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Samstag und ich befinde mich in einem israelisch-j\u00fcdischen Lokal, dem Masel Topf in Berlin. Es befindet sich im Prenzlauer Berg, ist sehr nett im 30er\/40er-Jahrestil eingerichtet und es gibt hier k\u00f6stliches j\u00fcdisches Essen. Dennoch \u2013 oder gerade deshalb \u2013 kommen in mir immer wieder Gedanken an Antisemitismus, Judenverfolgung zur Zeit der Nationalsozialisten und KZs hoch, auch wenn ich sie zu unterdr\u00fccken versuche. Nicht weil ich den bis jetzt sch\u00f6nen Abend mit diesen f\u00fcrchterlichen Gedanken verderben will, sondern weil es mir unangenehm ist gegen\u00fcber dieser durchaus vielf\u00e4ltigen und reichen Kultur nur an eines zu denken: dass sie in der NS-Zeit eine unterdr\u00fcckte Minderheit war. Doch wie, nach 3 Jahren gymnasialen Geschichtsunterrichts, indem diese Themen jedes Jahr erneut behandelt werden? Und wie, aufgewachsen in einem Land, in dem der Begriff \u201eJude\u201c nur im Zusammenhang mit Antisemitismus zu h\u00f6ren ist? Es ist fast so als w\u00e4ren diese beide W\u00f6rter in der deutschen Sprache zwei Seiten derselben Medaille, zwei Antonyme mit derselben Bedeutung: Singul\u00e4re Reduktion. Deutsche denken an den Holocaust, nicht an den Jom Kippur, sie denken an Karikaturen von Menschen mit \u00fcberproportional gro\u00dfen Nasen aus dem Geschichtsunterricht, nicht aber an Gem\u00e4lde von Liebermann (der j\u00fcdisch war).&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" src=\"https:\/\/ethikblogs.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/max-liebermann-strand-bei-noordwijk-1911-ol-auf-leinwand-privatsammlung-scaled-1-1024x945.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7124\" width=\"328\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/ethikblogs.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/max-liebermann-strand-bei-noordwijk-1911-ol-auf-leinwand-privatsammlung-scaled-1-1024x945.jpg 1024w, https:\/\/ethikblogs.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/max-liebermann-strand-bei-noordwijk-1911-ol-auf-leinwand-privatsammlung-scaled-1-300x277.jpg 300w, https:\/\/ethikblogs.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/max-liebermann-strand-bei-noordwijk-1911-ol-auf-leinwand-privatsammlung-scaled-1-768x709.jpg 768w, https:\/\/ethikblogs.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/max-liebermann-strand-bei-noordwijk-1911-ol-auf-leinwand-privatsammlung-scaled-1-1536x1418.jpg 1536w, https:\/\/ethikblogs.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/max-liebermann-strand-bei-noordwijk-1911-ol-auf-leinwand-privatsammlung-scaled-1-2048x1890.jpg 2048w\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Gem\u00e4lde von Liebermann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann diese Methodik Antisemitismus pr\u00e4ventiv zu verhindern wirken und ich will mich in keinster Weise gegen<strong>&nbsp;<\/strong>die Behandlung des historischen Antisemitismus im Rahmen des Schulunterrichts aussprechen. Im Gegenteil: Ich bin der Auffassung, dass wir Fehler in der Geschichte der Menschheit betrachten sollten, um diese nicht zu wiederholen \u2013 es ist vermutlich auch jener Grund, warum Deutschland eine so erfolgreiche Demokratie besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings denke ich, dass wir diese Aufgabe falsch bew\u00e4ltigen. Denn geben wir dieser zerst\u00f6renden Kraft von Diskriminierung und Hetze nicht nur noch mehr Brennmaterial, indem Sch\u00fcler die antisemitischen Vorurteile im Geschichtsunterricht lernen und teilweise Passagen aus \u201eMein Kampf\u201c (sogar ohne Kommentierung) lesen? Ich erinnere mich noch genau an das erste Arbeitsblatt zu Antisemitismus aus dem Religionsunterricht in der achten Klasse, auf dem uns, mit Bildern illustriert (z.B. ein reicher Jude auf einem Geldsack), die g\u00e4ngigsten Antisemitismus-Vorurteile erl\u00e4utert wurden. Es war eine v\u00f6llig neue Erkenntnis f\u00fcr mich, denn bis dahin war mir zwar bewusst, dass es den Holocaust gab, allerding wusste ich nicht, dass man damalige Vorurteile gegen\u00fcber Juden auch auf heute \u00fcbertragen kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann es sinnvoll sein, antisemitische Vorurteile zumindest in h\u00f6heren Klassen aufzugreifen und zu entkr\u00e4ften, aber ich denke nicht, dass dies der einzige Weg ist, um die Wiederholung von Fehlern in der Geschichte zu vermeiden. Denn wenn wir versuchen diese Vorurteile im Geschichtsunterricht zu entkr\u00e4ften, entkr\u00e4ften wir sie lediglich in ihrem historischen Rahmen. Dem Argument, die Juden h\u00e4tten als wirtschaftliche Elite das \u201eDeutsche Reich\u201c korrumpiert, halten wir beispielsweise entgegen, dass Juden damals zwar reicher waren (durch Bet\u00e4tigung im Banksektor), aber sie dadurch die Integrit\u00e4t Deutschlands nicht in Frage stellten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Leider verr\u00e4t uns dieses Gegenargument jedoch nicht mehr, als dass es&nbsp;<strong>damals<\/strong>&nbsp;falsch gewesen w\u00e4re Antisemit aufgrund der Ausgangsthese zu sein (Ein moderner Antisemit w\u00fcrde sich dadurch wohl wenig hinterfragt f\u00fchlen). Wo ist hier der Lerneffekt \u2013 die Erkenntnisse mit denen wir besser gegen\u00fcber Exklusion in der Gegenwart und der Zukunft gewappnet sind? Es scheint mir als w\u00fcrden wir die Geschichte mehr aufgrund des bedr\u00fcckenden Erbes Deutschlands aufarbeiten (und deshalb nur im Rahmen der NS-Zeit bleiben), als dass wir mit ihrer Bew\u00e4ltigung wirklich Wiederholungsfehler der Geschichte vermeiden wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend \u2013 um konstruktive Kritik zu \u00fcben \u2013 stellt sich die Frage, wie wir es besser machen k\u00f6nnen, also wie wir besser Antisemitismus und Exklusion vorbeugen sollten. Meines Erachtens w\u00e4re es gar nicht so schwer: Um den Fehler, j\u00fcdische Kultur auf die NS-Zeit zu reduzieren zu umgehen, k\u00f6nnte man in verschiedenen F\u00e4chern wie Kunst und Religion auf die Vielfalt der j\u00fcdischen Kultur eingehen und gleichzeitig ihre Vernetzung mit der deutschen Kultur- (Bsp. Liebermann) und Sprachgeschichte (Einfl\u00fcsse des jiddischen ins Deutsche) aufzeigen. Gleichzeitig aber sollte der Geschichtsunterricht die Judenverfolgung nat\u00fcrlich nicht ignorieren. Im Vergleich zum jetzigen Geschichtsunterricht sollten wir jedoch vielleicht mehr die Mechanismen hinter den antisemitischen Vorurteilen der der NS-Zeit genauer analysieren, um so mehr \u00fcber das Wesen des Menschen zu erfahren und wie er so anf\u00e4llig gegen jegliche Form von Hass gegen\u00fcber anderen Bev\u00f6lkerungsgruppen ist. Doch warum im Geschichtsunterricht nur das Negative betonen? Genauso k\u00f6nnte man doch auch die Sternstunden der Menschheit betrachten, um zwischen vielen Momenten der Mutlosigkeit im Geschichtsunterricht die Hoffnung auf ein besseres Morgen nicht zu verlieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>TipBerlin. Max Liebermann: Ausstellung und Intervention zum 175. Geburtstag. Aufgerufen am 23.06.2023. Verf\u00fcgbar unter: https:\/\/www.tip-berlin.de\/kultur\/ausstellungen\/max-liebermann-ausstellung-und-intervention-zum-175-geburtstag\/.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin der 3.12.2023, 18:30 Es ist Samstag und ich befinde mich in einem israelisch-j\u00fcdischen Lokal, dem Masel Topf in Berlin. Es befindet sich im Prenzlauer Berg, ist sehr nett im 30er\/40er-Jahrestil eingerichtet und es gibt hier k\u00f6stliches j\u00fcdisches Essen. 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