{"id":7839,"date":"2024-06-02T01:02:01","date_gmt":"2024-06-01T23:02:01","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=7839"},"modified":"2024-06-02T01:08:03","modified_gmt":"2024-06-01T23:08:03","slug":"ist-stehlen-moralisch-verwerflich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=7839","title":{"rendered":"Ist stehlen moralisch verwerflich?"},"content":{"rendered":"\n<p>Robin Hood stiehlt von den Reichen und gibt es den Armen. Als Kinder schauten wir Filme \u00fcber ihn und sahen ihn als Helden an. Gleichzeitig brachten uns unsere Eltern bei, dass wir niemals stehlen d\u00fcrften, denn: Stehlen ist falsch. Wie kann es jedoch sein, dass wir in einem Moment einen Dieben zum Helden deklarieren und im n\u00e4chsten einen anderen als schlechten Menschen verurteilen? Ist es moralisch von reichen Menschen zu stehlen? h\u00e4ngt es von dem eigenem Reichtum ab? Darf man dabei, wenn es sein muss, auch Gewalt anwenden? F\u00fcr manche Menschen scheinen diese Fragen absurd und selbsterkl\u00e4rend zu klingen, jedoch ist das tiefere Bedenken jener Fragen angesichts der vorherig aufgezeigten Diskrepanz trotzdem durchaus berechtigt. <br>Um diesen Sachverhalt ethisch analysieren zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen zuallererst einige Begriffe und Konzepte gekl\u00e4rt und festgelegt werden. Was ist also stehlen? Simpel erkl\u00e4rt l\u00e4sst sich Stehlen als den Akt, Eigentum eines anderen unerlaubt zu entwenden, definieren. Was aber ist Eigentum \u00fcberhaupt? Und wie kommt dieser zustande? Aristoteles definierte das Eigentum als &#8222;alles das sich im Besitz einer Person oder Einrichtung befindet&#8220;. Dies mag vorerst zufriedenstellend klingen, jedoch erscheint es mir mehr wie eine Umschreibung des Grundbegriffes, als eine wirkliche Definition dessen, da sich hier erneut die Frage stellt, was denn eigentlich Besitz ist. <br>In der modernen Welt wird Besitz\/Eigentum meist durch einen Kaufvertrag zwischen Verk\u00e4ufer und K\u00e4ufer \u00fcbertragen; Kommt Besitz also vielleicht immer durch geschlossene Kaufvertr\u00e4ge zustande? Hierzu l\u00e4sst sich durch mehrere Beispiel erwidern: Nein, dies ist nicht immer der Fall, da ein gefundenes Gut, bei unbekanntem urspr\u00fcnglichem Besitzer, wahrscheinlich von den Meisten als Besitz des Finders deklariert werden w\u00fcrde. Ebenfalls kann der Besitz von Gut durch das Verschenken rechtm\u00e4\u00dfig \u00fcbertragen werden, was wieder zeigt, dass bei dem Zustandekommen von Besitz auch nach herk\u00f6mmlicher Definition, nicht immer ein Kaufvertrag beteiligt sein muss.<br>Ein weiterer Aspekt, der eine Definition \u00fcber Kaufvertr\u00e4ge grunds\u00e4tzlich in Frage stellt, ist, woher die Verk\u00e4ufer des Guts das Recht erhalten, das zu verkaufende Gut als ihres zu bezeichnen und damit ebenfalls auch mit monet\u00e4rer Gegenleistung dieses Eigentumsrecht zu \u00fcbertragen. Hierzu m\u00f6ge man m\u00f6glicherweise entgegnen: &#8222;Der Verk\u00e4ufer \u00fcbertrug das Eigentumsrecht des Guts an sich indem er selbst einen Kaufvertrag mit einem weiteren Verk\u00e4ufer einging&#8220;. Besitz kann jedoch nicht in einer ewigen Schleife durch Kaufvertr\u00e4ge zwischen Verk\u00e4ufern und K\u00e4ufern seinen Ursprung haben: <br>Jede Materie und damit auch jeder materielle Besitz hat seinen Ursprung irgendwo in der Natur. Wie kann es also dazu kommen, dass aus einem Material, einem Rohstoff oder einem Tier, welches in der Natur von niemanden besessen wird, pl\u00f6tzlich der Besitz eines Menschen wird. Anders gesagt: Was gibt dem Menschen das Recht ein von sich unabh\u00e4ngig entstandenes, nat\u00fcrliches Objekt f\u00fcr seinen eigenen Besitz zu erkl\u00e4ren? Man k\u00f6nnte erwidern, der Prozess des Verarbeitens, beziehungsweise der Prozess eigene Arbeit an dem nat\u00fcrlichen Objekt zu verrichten, wie beispielsweise bei der Bewirtung von Pflanzen und der damit erzeugten Nahrung, macht das nat\u00fcrliche Objekt zu dem Besitz des Arbeiters. Wenn dies jedoch der Fall w\u00e4re, m\u00fcsste auch anderen Tieren, wie Bienen oder Ameisen, die ebenfalls Arbeit an Natur verrichten, Besitz zugesprochen werden. Da dies jedoch aus konventioneller menschlicher Sicht nicht zutrifft und auch die anderen vorherig erw\u00e4hnten Definitionen Widerspr\u00fcche besitzen, ergibt sich dieser Schluss: <br>Menschen besitzen nicht das Recht nat\u00fcrliche Dinge f\u00fcr sich zu beanspruchen, sie tun es aber trotzdem, da ohne ein Eigentumsrecht, das seit Jahrtausenden bestehende menschengemachte System, welches von Handel und Besitzt\u00fcmern gepr\u00e4gt ist, nicht so bestehen k\u00f6nnte, wie es heute ist. <br>Hiermit l\u00e4sst sich also bereits das ganze menschliche Konzept von Besitz selbst in Frage stellen, was nat\u00fcrlich Auswirkungen auf das Konzept des Stehlens hat, da dessen Verwerflichkeit auf der eigentlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Eigentums-Begriffes beruht. <br>Trotz dieser Feststellung l\u00e4sst sich jedoch nicht bestreiten, dass in der modernen menschlichen Zivilisation Besitzt\u00fcmer existieren, welche auch enorme Auswirkungen auf das Leben eines Menschen haben. Ein Mensch der arm geboren wird, das hei\u00dft ein Mensch mit weniger Besitzt\u00fcmer hat so gut wie immer eine geringere Lebensqualit\u00e4t als ein Mensch der reich geboren wird. Hierbei kann dies sogar so weit gehen, dass durch diese Armut, falls extrem, Menschen folgendem Hungern oder m\u00f6glichen Krankheiten erliegen m\u00fcssen. Armut ist h\u00e4ufig nicht durch den betroffenen Menschen beeinflussbar; falls man beispielsweise in eine arme Familie geboren wird, welche in einem Land mit sehr eingeschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten wohnt. Gleichzeitig werden Menschen in Familien mit Multimillionen Verm\u00f6gen geboren und das, obwohl ein S\u00e4ugling nicht mehr geleistet haben kann als ein anderer. Diese ungerechte Verteilung von Besitzt\u00fcmern liegt in dem heutigen System verwurzelt. Warum also sollte ein bitterarmes, verhungerndes Kind, dass nichts f\u00fcr seine Umst\u00e4nde kann, nicht von einem verw\u00f6hnten Million\u00e4rssohn, welcher nie f\u00fcr seinen Reichtum gearbeitet hat, Besitz entwenden k\u00f6nnen, um sein Menschenrecht auf ausreichende Nahrung zu erlangen? Auch wenn diese provokante Frage nicht so einfach zu beantworten ist, wie es scheint, l\u00e4sst sich festhalten, dass man keineswegs das arme Kind f\u00fcr sein Verlangen nach dem \u00dcberleben und der Einhaltung der eigenen Menschenrechte verurteilen kann. Gleichzeitig w\u00e4ren die meisten sich einig, dass der Million\u00e4rssohn bereits genug hat, um davon nur einen kleinen Teil zum Bestand eines anderen Menschenlebens abgeben zu k\u00f6nnen, wodurch ein Diebstahl in diesem Fall nicht wirklich als verwerflich angesehen werden kann. Jedoch weicht die Realit\u00e4t selbst, meist von diesem schwarz-wei\u00dfen Beispielen ab und befindet sich eher in einem Grauton. Obwohl extrem viel Armut auf der Erde herrscht, sowie auch viel Reichtum, werden die meisten Diebst\u00e4hle nicht von den \u00c4rmsten an den Reichsten ver\u00fcbt, sondern oftmals beispielsweise von \u00e4rmeren an etwas wohlhabendere Personen, wobei dies auch abweichen kann. Ebenfalls beschr\u00e4nkt sich bei Diebst\u00e4hlen der Akt oftmals nicht nur auf das Entwenden von Besitz selber, sondern beinhaltet auch Gewalt, beziehungsweise dessen Androhung. Hierzu l\u00e4sst sich sagen, dass Diebstahl zusammen mit der Verwendung von Gewalt grunds\u00e4tzlich verwerflich ist. Da, auch wenn es um die Erf\u00fcllung des Bed\u00fcrfnisses nach einem Menschenrecht geht, dies einem nicht das Recht gibt die W\u00fcrde eines anderen zu verletzen. Gleichzeitig sollte auch nicht die blo\u00dfe Diskrepanz in Wohlstand zwischen zwei Menschen, auch ohne den Einsatz von Gewalt, dar\u00fcber entscheiden, ob ein Diebstahl gerechtfertigt w\u00e4re oder nicht (so wie in dem vorherig erw\u00e4hntem Beispiel angedeutet): Ein Million\u00e4r sollte nicht von einem Milliard\u00e4r stehlen k\u00f6nnen nur weil er weniger reich ist. Ebenfalls sollte eine sehr arme Person nicht von einer recht armen Person stehlen k\u00f6nnen, weil diese es &#8222;mehr n\u00f6tig&#8220; h\u00e4tte. <br>Ob das Stehlen also moralisch verwerflich ist oder nicht ist extrem abh\u00e4ngig von der jeweiligen Situation. Das Konzept des Entwendens von Besitz selbst kann nicht verwerflich sein, da Besitz wie vorher erl\u00e4utert nur ein menschengemachtes Konstrukt ist. Jedoch k\u00f6nnen die jeweiligen Umst\u00e4nde es zu einem moralisch verwerflichen Akt machen. Das Stehlen von Bed\u00fcrftigen, sowie ein Diebstahl einer nicht bed\u00fcrftigen Person sind hierbei beispielsweise grunds\u00e4tzlich verwerflich, da hierbei anderen Schaden zugef\u00fcgt werden kann, beziehungsweise ein Diebstahl ohne eigene Bed\u00fcrftigkeit ein Akt der reinen Gier darstellt. Auch die Bed\u00fcrftigkeit selbst stellt jedoch nicht gleichzeitig eine automatische Erlaubnis zum Diebstahl dar. Eine stark selbstverschuldete Armut, wie durch beispielsweise eine Verweigerung von Arbeit durch eigene Faulheit oder eine Armut, welche sich durch beispielsweise ein gutes, erhaltenes Jobangebot wieder aufl\u00f6sen k\u00f6nnte, sind F\u00e4lle in dem der Mensch sein eigenes Versagen nicht durch das Nehmen von Anderen ausgleichen k\u00f6nnen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Welt ohne Armut w\u00e4re Stehlen ohne Ausnahme ein Verbrechen und moralisch verwerflich. In der jetzigen Welt, wo unschuldige Kinder hungern m\u00fcssen, w\u00e4hrenddessen andere einen sch\u00f6nen Tag auf ihrer Yacht genie\u00dfen, ist dies leider nicht so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie steht ihr zu diesem Thema?<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.philosophie-wissenschaft-kontroversen.de\/details_wirtschaft_politik.php?id=1501580&amp;a=t&amp;autor=Aristoteles&amp;vorname=&amp;thema=Eigentum#:~:text=Eigentum%3A%20Eigentum%20ist%20alles%2C%20was,besitzen%20und%20dar%C3%BCber%20zu%20verf%C3%BCgen.\">Aristoteles \u00fcber Eigentum &#8211; Lexikon der Argumente (philosophie-wissenschaft-kontroversen.de)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robin Hood stiehlt von den Reichen und gibt es den Armen. Als Kinder schauten wir Filme \u00fcber ihn und sahen ihn als Helden an. Gleichzeitig brachten uns unsere Eltern bei, dass wir niemals stehlen d\u00fcrften, denn: Stehlen ist falsch. 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