{"id":7877,"date":"2024-05-29T00:02:28","date_gmt":"2024-05-28T22:02:28","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=7877"},"modified":"2024-05-29T00:02:28","modified_gmt":"2024-05-28T22:02:28","slug":"vom-mythos-der-leistungsgerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=7877","title":{"rendered":"Vom Mythos der Leistungsgerechtigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Deutschland z\u00e4hlt im internationalen Vergleich zu den ungleichsten L\u00e4ndern. Der Gini-Koeffizient ist ein Ma\u00df der Verteilung. Liegt er bei 1 so konzentriert sich der gesamte Besitz auf eine Person, befindet er sich bei 0 so besitzt jeder gleich viel. Bei der Verteilung von Einkommen liegt der Gini-Koeffizient bei 0,3. Die Verteilung von Verm\u00f6gen f\u00e4llt mit 0,76 deutlich ungleicher aus. In Deutschland ist das Gesamtverm\u00f6gen der f\u00fcnf reichsten Milliard\u00e4r*innen seit 2020 um rund drei Viertel gestiegen. Gleichzeitig leben laut dem Armutsbericht vom Parit\u00e4tischem Wohlfahrtsverband \u00fcber 14 Millionen Menschen in Armut. &#8211; Diese Entwicklungen werden h\u00e4ufig mit dem Konzept der Leistungsgerechtigkeit gerechtfertigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist Leistungsgerechtigkeit und lassen sich die Entwicklungen so einfach rechtfertigen?<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter Leistungsgerechtigkeit verbirgt sich die Vorstellung, dass Menschen die mehr Leistung erbringen auch entsprechend h\u00f6her entlohnt werden sollen als diejenigen, die weniger leisten. Prinzipiell scheint dieses Konzept auch logisch und gerecht. Doch bereits die Frage nach der Definition von Leistung kann die Rechtfertigung von Ungleichheit durch Leistungsgerechtigkeit in ein zweifelhaftes Licht r\u00fccken. Was ist Leistung? Wie kann Leistung gemessen werden? Leistet ein Manager mehr als eine Krankenschwester? Leistet eine Putzfrau so viel weniger als eine Bankangestellte? Wiegt k\u00f6rperlich oder mental verrichtete Leistung mehr? Ist Care-Arbeit nicht auch Leistung? Und wieso wird dann niemand daf\u00fcr bezahlt? <\/p>\n\n\n\n<p>Voraussetzung f\u00fcr Leistungsgerechtigkeit ist Chancengleichheit. Leistungsgerechtigkeit kann nur dann bestehen wenn wir alle die selben M\u00f6glichkeiten besitzen die selbe Leistung zu erbringen. Leistungsgerechtigkeit besteht, wenn nicht die Umst\u00e4nde, unter denen wir leben, sondern unsere eigenen Bem\u00fchungen, unsere erbrachte Leistung bestimmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Realit\u00e4t zeigt, dass Chancengleichheit momentan nicht besteht und vermutlich niemals bestehen wird. Unterschiedliche Studien best\u00e4tigen beispielsweise das Menschen, die einen Migrationshintergrund besitzen oder einen Namen, der auf einem Migrationshintergrund schlie\u00dfen l\u00e4sst, deutlich schlechtere Chancen haben eingestellt zu werden. Menschen mit Behinderungen oder anderen Einschr\u00e4nkungen besitzen ebenfalls schlechtere Chancen als Andere. In Deutschland und auch im internationalen Vergleich erfahren wir alle unterschiedlich gute Bildung und erhalten somit unterschiedlich gute Chancen f\u00fcr das sp\u00e4tere Berufsleben, insbesondere deshalb weil jede Lehrkraft unterschiedlich effektiv unterrichtet. Die Eltern, die uns erziehen, das Umfeld, in dem wir heranwachsen, die Generation, innerhalb der wir aufwachsen, haben alle Einfluss auf unsere Chancen. G\u00fcnstiger oder ung\u00fcnstiger, aber trotzdem unterschiedlich. Die Conditio sine quo non f\u00fcr Chancengleichheit ist folglich, dass wir alle dieselbe Person sind, also die gleiche DNA besitzen, von den selben Eltern zur selben Zeit am selben Ort erzogen werden und die selben Erfahrungen machen, damit wir alle gleich stark nicht beziehungsweise eingeschr\u00e4nkt sind. Nur dann h\u00e4tten wir die selben Chancen. Sobald eine weitere Generation folgen w\u00fcrde, w\u00e4re die Chancengleichheit erneut nicht gegeben. Bei dem Konzept der Chancengleichheit handelt es sich um eine utopische Vorstellung, die aber nicht erreicht werden kann. Die Leistungsgerechtigkeit verliert ihre Grundvorraussetzung und wird zu einem Mythos.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Quellen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/ungleichheit-2022\/512778\/wie-ungleich-ist-die-welt\">https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/ungleichheit-2022\/512778\/wie-ungleich-ist-die-welt<\/a> (28.05.2024)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/auf-einen-blick-17945-20845.htm\">https:\/\/www.boeckler.de\/de\/auf-einen-blick-17945-20845.htm<\/a> (28.05.2024)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/boeckler-impuls-ist-deutschland-ein-ungleiches-land-3658.htm\">https:\/\/www.boeckler.de\/de\/boeckler-impuls-ist-deutschland-ein-ungleiches-land-3658.htm<\/a> (28.05.2024)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/unsere-arbeit\/themen\/soziale-ungleichheit\">https:\/\/www.oxfam.de\/unsere-arbeit\/themen\/soziale-ungleichheit<\/a> (28.05.2024)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland z\u00e4hlt im internationalen Vergleich zu den ungleichsten L\u00e4ndern. 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