{"id":8606,"date":"2025-12-31T15:22:34","date_gmt":"2025-12-31T14:22:34","guid":{"rendered":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=8606"},"modified":"2025-12-31T15:22:34","modified_gmt":"2025-12-31T14:22:34","slug":"sollte-es-eine-gesetzliche-triage-regelung-geben-um-diskriminierung-von-patientinnen-auszuschliessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ethikblogs.de\/?p=8606","title":{"rendered":"Sollte es eine gesetzliche Triage-Regelung geben, um Diskriminierung von Patient*innen auszuschlie\u00dfen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Wort Triage stammt vom franz\u00f6sischen Verb \u201etrier\u201c ab, das \u201esortieren\u201c oder \u201eaussuchen\u201c bedeutet. Es beschreibt, dass \u00c4rzt*innen in Notfallsituationen entscheiden m\u00fcssen, in welcher Reihenfolge sie Menschen helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschehnisse aus dem italienischen Bergamo vom M\u00e4rz 2020 haben sich vielen ins Ged\u00e4chtnis gebrannt. Tausende Menschen starben dort zu Beginn der Pandemie an COVID-19. Die Krankenh\u00e4user waren so \u00fcberlastet, dass nur noch Patient*innen mit guten \u00dcberlebenschancen auf der Intensivstation aufgenommen wurden. In solchen F\u00e4llen oder zum Beispiel auch nach einem Terroranschlag oder einer Katastrophe, stellt sich die Frage welche Patient*innen bei der Behandlung Vorrang haben. F\u00fcr eine eindeutige Triage-Regelung beschloss der Bundestag 2021 deshalb ein Gesetz, nach dem \u00fcber die medizinische Versorgung &#8222;nur aufgrund der aktuellen und kurzfristigen \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit&#8220; zu entscheiden ist &#8211; ausdr\u00fccklich nicht nach Lebenserwartung oder Grad der Gebrechlichkeit. So soll eine Diskriminierung von bestimmten Patientengruppen (z.B. \u00c4ltere Personen oder Personen mit geistiger oder k\u00f6rperlicher Einschr\u00e4nkung) ausgeschlossen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Herbst 2025 wurde dieses Gesetz allerdings wieder gekippt, da \u00c4rzt*innen klagten, dass sie sich in ihrer Berufsfreiheit eingeschr\u00e4nkt sehen und da dem Bund f\u00fcr solch eine Regelung die Gesetzgebungskompetenz fehle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Deutschen Institut f\u00fcr Menschenrechte zufolge wird aber dringend wieder eine bundeseinheitliche und diskriminierungsfreie Triage-Regelung ben\u00f6tigt, die Menschen mit Behinderungen, chronisch Kranke und \u00e4ltere Menschen davor sch\u00fctzt, benachteiligt zu werden, wenn intensivmedizinische Ressourcen nicht ausreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Blog Beitrag befasse ich mich deshalb allgemein mit der Frage ob es \u00fcberhaupt ein Gesetz geben sollte, dass im Triage-Fall \u201enur aufgrund der aktuellen und kurzfristigen \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit\u201c der Patient*innen entschieden werden darf, um Diskriminierung auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ein solches Gesetz spricht, dass niemand aufgrund seines Alters, seines Geschlechtes oder aufgrund einer Behinderung benachteiligt wird. Studien zeigen, dass Menschen mit Einschr\u00e4nkungen medizinisch eher falsch beurteilt werden. Im Falle einer Triage w\u00fcrden sie deshalb m\u00f6glicherweise hintenangestellt werden. Wenn es aber ein Gesetz g\u00e4be, dass nur aufgrund der aktuellen \u00dcberlebenschance beurteilt werden darf, m\u00fcssten Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen und ihre Angeh\u00f6rigen sich keine Sorgen mehr machen, dass ihre Behandlung zu kurz kommt, obwohl es eigentlich keinen medizinischen Grund daf\u00fcr gibt. Auch w\u00e4re ein solches Gesetz im Sinne der Menschenrechte, da niemand bevorzugt oder benachteiligt werden darf. Zum Beispiel legt der dritte Artikel des Grundgesetzes ein umfassendes Diskriminierungsverbot fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Argument f\u00fcr eine gesetzliche Regelung im Triage-Fall w\u00e4re au\u00dferdem, dass \u00c4rzt*innen in einer Notsituation von der schwierigen ethischen Entscheidung, welchen Patienten sie zuerst behandeln, befreit w\u00e4ren. Au\u00dferdem w\u00e4ren sie rechtlich abgesichert und m\u00fcssten sich f\u00fcr ihre Entscheidung vor den Angeh\u00f6rigen der Patient*innen nicht rechtfertigen. Des Weiteren w\u00e4ren die Gewissenskonflikte der \u00c4rzt*innen m\u00f6glicherweise geringer, als wenn sie eigenst\u00e4ndig \u00fcber die Reihenfolge der zu behandelnden Patient*innen entscheiden m\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen ein solches Gesetz spricht, dass in die Berufsfreiheit der \u00c4rzt*innen zu stark eingegriffen werden w\u00fcrde. \u00c4rzte und \u00c4rztinnen, die sechs Jahre Studium plus f\u00fcnf bis sechs Jahre Facharztausbildung hinter sich haben, verf\u00fcgen in der Regel \u00fcber genug Fachwissen, um auch die langfristige Lebenserwartung oder die Lebensqualit\u00e4t des Patienten und nach der Behandlung mit ein zu beziehen. Wenn beispielsweise zwei Patienten nahezu dieselbe kurzfristige \u00dcberlebenschance haben, aber einer davon aufgrund einer schweren Vorerkrankung langfristig eine viel k\u00fcrzere Lebenserwartung h\u00e4tte und nie komplett genesen w\u00fcrde, k\u00f6nnen die \u00c4rzt*innen selbst am besten beurteilen welchen Patient*innen sie behandeln. Trotz der Vorgaben w\u00fcrden \u00c4rzt*innen wahrscheinlich auch nie ganz objektiv und nur auf die kurzfristige Lebenserwartung bezogen entscheiden, sondern immer ihre eigene Einsch\u00e4tzung miteinbeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem gibt es bereits Triage-Systeme und Richtlinien auf die sich \u00c4rzt*innen beziehen k\u00f6nnen, wie zum Beispiel das Manchester Triage System (MTS), dass \u00fcblicherweise in der Notaufnahme verwendet wird. Es erm\u00f6glicht eine einheitliche und systematische Einsch\u00e4tzung der Dringlichkeit der Behandlung. Nach solchen erfahrungsm\u00e4\u00dfig gut funktionierenden Triage Richtlinien k\u00f6nnten sich \u00c4rzt*innen auch im Katastrophenfall, wenn nicht alle Patienten gleichzeitig behandelt werden k\u00f6nnen, richten. Somit w\u00e4re eine weitere Triage-Regelung, um Diskriminierung zu verhindern, m\u00f6glicherweise irref\u00fchrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Meiner Meinung nach ist dieses Thema ein sehr Schwieriges. Einerseits f\u00e4nde ich es richtig, dass niemand diskriminiert werden darf. Andererseits halte ich es aber auch f\u00fcr wichtig, dass ein Kind zum Beispiel vor einem 80-J\u00e4hrigen behandelt wird, auch wenn die kurzfristige Lebenserwartung des Kindes in diesem Moment etwas geringer w\u00e4re, aber langfristig deutlich l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es auf jeden Fall wichtig, dass sich mit diesem Thema in der \u00d6ffentlichkeit besch\u00e4ftigt wird, auch ohne einen aktuellen Ernstfall. So m\u00fcssen sich \u00c4rzt*innen oder Politiker*innen beim Eintreten eines Katastrophenfalls (z.B. einer weiteren Pandemie) nicht mit diesen Fragen besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-normal-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/triage-bundesverfassungsgericht-100.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/triage-bundesverfassungsgericht-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/nachrichten\/n\/bverfg-1bvr228423-1bvr228523-triage-gesetz-ifsg-mediziner-verfassungsbeschwerde\">https:\/\/www.lto.de\/recht\/nachrichten\/n\/bverfg-1bvr228423-1bvr228523-triage-gesetz-ifsg-mediziner-verfassungsbeschwerde<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/DE\/2025\/bvg25-099.html\">https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/DE\/2025\/bvg25-099.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/intensivmedizin-triage-bundesverfassungsgericht-menschen-mit-behinderung-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/intensivmedizin-triage-bundesverfassungsgericht-menschen-mit-behinderung-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de\/aktuelles\/detail\/menschenrechtsinstitut-fordert-einheitliche-schutzstandards-fuer-triage-situationen\">https:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de\/aktuelles\/detail\/menschenrechtsinstitut-fordert-einheitliche-schutzstandards-fuer-triage-situationen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort Triage stammt vom franz\u00f6sischen Verb \u201etrier\u201c ab, das \u201esortieren\u201c oder \u201eaussuchen\u201c bedeutet. 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