Zusammenfassung des Ethikunterrichts am 15.11.2019

15.11.2019, 9:40h – 11:15h, alle anwesend

Das Thema der heutigen zwei Ethikstunden war Freiheit und Determination, bezogen auf psychologische und soziologische Freiheit. Als Einführung schauten wir den Film „Hannah Arendt“ und bearbeiteten Aufgaben dazu.

Der 2012 veröffentlichte Film „Hannah Arendt“, ist ein autobiographischer Philosophenfilm, der spielfilmähnlich aufgebaut ist und in Deutschland, Frankreich und Israel gedreht wurde. Er handelt von der jüdischen Philosophin Hannah Arendt, die einen Bericht über die Anklage des SS-Führers Eichmann verfassen möchte. Sie selbst war zur damaligen Zeit Insassin des Internierungslagers „Gurs“ in Frankreich und somit selbst von dem schrecklichen Elend der Ankläger betroffen.

Der Film beginnt mit einer Szene, in der die Entführung Eichmanns zu sehen ist. Er wird vom israelischen Geheimdienst nach Israel entführt. Dort soll eine Gerichtsverhandlung gegen ihn stattfinden.

Die Professorin Hannah Arendt bewirbt sich daraufhin bei der Zeitung „The New Yorker“, um einen Artikel über den Prozess zu schreiben. Der Chef der Zeitung ist sofort begeistert, da Arendt bereits ein bekanntes Buch geschrieben hat, während die anderen Redakteure skeptisch waren. Arendt’s Mann befürwortet ihr Vorhaben ebenfalls nicht. Er hat Angst, dass sie mit ihren Erinnerungen an früher konfrontiert wird und das nicht verkraften kann. Doch Arendt bleibt zuversichtlich. Sie ist der Meinung, dass sie stark genug ist, um diese Aufgabe zu bewältigen. Schließlich fliegt sie nach Jerusalem, dort wohnt sie wärend der Verhandlung bei einem alten Freund.

Schon bald ist sie mit einer Vielzahl von Anklägern vor Gericht. Eichenmann sitzt zu seinem eigenen Schutz in einem Glaskasten. Es gibt eine nach Arendt’s Meinung zu dramatische Eröffnungsrede. Die Zeugen fangen an zu berichten. Eichmann verteidigt sich, er habe nur die Befehle ausgeführt. Er zeigt keine Reue und hat einen relativ neutralen Gesichtsausdruck, während Opfer und Angehörige der Opfer ihre Leidensgechichten erzählen.

Arendt berichtet danach, er wäre anders als sie sich ihn vorgestellt hat. Sie realisierte, dass er persönlich eigentlich kein besonderer Mensch ist. Sie meint, er sei wie alle Menschen. Niemand Besonderes. Seine Menschlichkeit bezeugt sie mit der Aussage, er habe Schnupfen gehabt. Dies lässt ihn nicht besonders mächtig oder unheimlich wirken, sondern beweist, seine Meschlichkeit.

In der nächsten Szene wird eine weitere Verhandlung gezeigt. Man sieht wieder Angehörige und Opfer, welche sprechen und teils weinen. Ein Mann bricht zusammen, während er spricht, doch Eichmann verzieht keine Miene.

Als Arendt am Abend mit ihrem Mann telefoniert, meint sie, die Ankläger seien viel zu unsachlich und erzählen hauptsächlich ihre Leidensgeschichte, die wenig mit dem Fall Eichmann zu tun hat.

Am nächsten Verhandlungstag beantwortet Eichmann einige Fragen, um sein Verhalten rechtzufertigen. Er erzählt, er habe einen Treueid geschworen. Die Frage, ob er auch seinen Vater erschossen hätte, wenn er ein Verräter gewesen wäre, bejahte er.

Arendt ist daraufhin der Meinung, dass Eichmann eigentlich keine Schuld an allem hat, er hat lediglich dem Gesetz gehorcht und ist auch kein Lügner. Mit einem ehemaligen Freund diskutiert sie darüber. Wenig später fliegt sie zurück nach Amerika.

Dort verbringt sie die Nächte hauptsächlich mit recherchieren und die Tage mit unterrichten. Eines Tages erfährt sie das Urteil: Eichmann soll gehängt werden. Arendt denkt zuerst, es sei richtig so, doch ihr Mann hinterfragt das.

Daraufhin erinnert sich Arendt zurück an ihre Studienzeit. Dort wurde ihr beigebracht, dass Denken schlecht für die Menschheit ist und keinen Nutzen mit sich bringt. Sie war sehr aufgebracht, da Denken für sie wichtig und ihre Leidenschaft ist.

Arendt unterrichtet ihre Studenten zwischenzeitlich von ihren Erkenntnissen über Eichenmann. Sie meinte, er wäre gar nicht von Natur aus böse gewesen, sondern nur unfähig zu denken.

Dies schreibt sie auch in ihren Artikel und löst in der Redaktion der „The New Yorker“ eine große Diskussion aus. Die Redakteure sind sich nicht schlüssig, ob sie diesen Artikel drucken können. Arendt kritisiert darin nämlich auch einige Anführer der Juden, die wohl mit Nazis kooperiert haben, und damit unabsichtlich bei der Judenvernichtung geholfen haben. Doch dieser Fakt ist nicht bewiesen und kann schnell missinterpretiert werden.

Als der Artikel schließlich veröffentlicht wird, gibt es viel Kritik. Die Leser sagen, Arendt verteidigt Eichmann zu Unrecht und beschweren sich bei der Redaktion der Zeitung. Auch Arendt’s Mann erzählt ihr von den aufgebrachten Leuten, doch sie kann es sich kaum vorstellen, dass die Menschen sie derart missverstanden haben.

Quellen: http://www.hannaharendt-derfilm.de/ zuletzt aufgerufen am 15.11.19

https://www.dhm.de/lemo/biografie/adolf-eichmann zuletzt aufgerufen am 15.11.19

Folgende Aufgaben sollten wir zu dem Film bearbeiten:

1. Was ist unser Eindruck von Hannah Arendt zu ihrer Philosophie?

Arendt macht in dem Film den Eindruck, als würde sie sehr rational denken und sich nicht von ihren Gefühlen beeinflussen lassen. Sie selbst lässt sich schließlich nicht von ihren Erinnerungen an Gurs beeinflussen und ist somit von Anfang an neutral zu dem Fall Eichmann eingestellt. Außerdem versteht sie die Opfer nicht, die nur ihre Leidensgeschichten erzählen, ohne direkt auf Eichmann Bezug zu nehmen. Sie versucht das Problem logisch zu analysieren und kommt schließlich zu dem Urteil, dass Eichmann sich nur an die Lehren der damaligen Zeit gehalten hat, ohne sie zu hinterfragen, da diese das Denken kritisierten. Somit hält sie Eichmann nicht für schuldig, sondern lediglich „unfähig zu denken“.

2. a) Der Fall Eichmann (Wer war Eichmann? Warum und wo war er angeklagt? Welche Diskussionen gibt es um seine Anklage?)

Eichmann war ein SS-Führer und organisierte einige Deportationen der Juden. Er wurde aufgrund von Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Israel angeklagt. Bei seiner Anklage gab es eine Diskussion darum, ob er als Person schuldig oder unschuldig ist. Die meisten Kläger hielten ihn für schuldig, da er die Deportation und Tötung vieler Juden veranlasste und selbst als der Befehl zur Tötung aufhoben wurde, weitermachte. Er selbst meinte jedoch, er wollte eine angefangene Sache nicht unbeendet lassen und habe nur dem Gesetz gehorcht, wie er es bereits in einem Treueid schwören musste. Diesen Treueid wollte er auf keinen Fall brechen. Arendt ist unter anderem der Meinung, Menschen wie Eichmann wäre es untersagt gewesen zu denken und sie persönlich hätten somit keine Schuld, da sie es nie anderes gelernt haben.

Quelle: https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/der-eichmann-prozess-in-jerusalem-1961/ zuletzt aufgerufen am 19.11.19

b) Argumente, die für bzw. gegen psychologische und soziologische Determination Eichmanns sprechen

Für psychologische Determination nach Freud spricht, dass Eichmann vermutlich nicht nach den Bedürfnissen des Wesens des Es gehandelt hat, da es ihm nicht das Bedürfnis zum Töten gibt. Vermutlich sorgt es sogar eher dafür, dass wir mit unseren Mitmenschen in Frieden leben möchten. Das Wesen des Über-Ich möchte jedoch der gesellschaftlichen Norm und Moral gehorchen. In Eichmann’s Fall war dies die Treue zum Staat. Das Wesen des Über-Ich war somit dem Es überlegen. Eichmann war nicht stark genug, um den Bedürfnissen des Über-Ichs zu widerstehen und lies es somit gewinnen.

Außerdem besitzt jeder Mensch nach Alfred Adler neurotische Züge. Ihn könnte das Minderwertigkeitsgefühl, das durch die strikten Regeln der damaligen Zeit aufkam so sehr geprägt haben, dass er sich selbst nicht zutraute Befehle zu hinterfragen, sondern sie widerstandslos ausführte.

Gegen psychologische Determination Eichmanns spricht, dass jeder Mensch durch Lernstrategien unterbewusst lernt, ob er sich in einer bestimmten Situation gut oder schlecht verhalten hat und somit entweder gleichbleibend handelt oder etwas an seinem Handeln ändert. Da Eichmann nie etwas an seinem Handeln änderte, ist davon auszugehen, dass er seine Taten nicht als schlecht ansah. Wir Menschen besitzen des Weiteren den Freiraum auch unabhängig von diesem Gefühl zu handeln. Eichmann hätte sich somit, auch wenn er sein Handeln nicht als schlecht ansah, anders verhalten können. Somit hatte er die Freiheit selbst zu entscheiden, ob er die Befehle letztendlich ausführt oder nicht.

Für die soziologische Determination Eichmanns spricht, dass er sich der Rolle eines unfreien Bürgers, der einen Treueid geschworen hat und jegliche Befehle des Staats ausführt, untergeordnet hat und sich bis zum Tod nie anders verhält.

Gegen die soziologische Determination Eichmanns spricht, dass er sich überhaupt nicht in die Rolle eines „normalen“ mitgefühlempfindenten Bürgers einordnen lassen kann. Er hat die Befehle des Staats ohne Rücksicht und Mitgefühl mit den Menschen ausgeführt. Was ihn ebenfalls besonders macht ist, dass er nie darüber nachgedacht hat, die Befehle zu hinterfragen. Dies spricht allerdings wiederum dafür, wie sehr er in der Rolle des Menschen gefangen war, der einen Treueid schwören musste.

Protokoll Freitag 09.02.2018

Gymnasium Gerabronn GK Kursstufe 1

Referent/in: Frau Schütze

Anwesenheit: 5 von 6 Personen

Verfasser/in des Protokolls: weise1820

Gliederung der Unterrichtsstunde:

  • „Hannah Arendt“ Film
  • Pflicht
  • Interview mit Kant / Imperative

Zu Beginn der Stunde, haben wir den Film „Hannah Arendt“ zu Ende geschaut, den wir bereits in der letzten Woche, begonnen hatten. Dieser handelt von einer jüdischen Frau, der es gelang im zweiten Weltkrieg nach Amerika zu fliehen. Diese hebt sich in einem besonderen Punkt von anderen ab. Seit der Gerichtsverhandlung von Adolf Eichmann, bei der sie dachte auf ein Monster zu treffen, jedoch auf einen Niemand stößt, versucht sie nachzuvollziehen, warum diese Menschen damals so gehandelt haben. Mit der Veröffentlichung ihrer Artikelserie „Die Banalität des Bösen“, gibt sie den Juden eine „Teilschuld“, an dem was damals passiert ist und stellt Männer, wie Eichmann, als Menschen da, die nur nicht wirklich über ihre Taten nachgedacht haben, jedoch keinen so bösen Willen hatten. Ihr wird vorgeworfen, dass sie kalt, gefühllos und arrogant sei, in den Medien starten zahlreiche Hetzkampagnen und sie verliert lebenslange Freunde. Sie beharrt jedoch auf ihrer Meinung und sucht nach Antworten, auch wenn es bedeutet „dahin zu denken, wo es weh tut“.

Nach dem doch sehr bewegenden Film, sprachen wir kurz im Plenum über das Verhalten von Hannah Arendt und ihren Freunden. Dabei konnten wir uns darauf einigen, dass das Verhalten Arendts, zumindest im Nachhinein und ohne engeren persönlichen Bezug zur Nazi-Zeit, doch sehr plausibel schien. Denn letzten Endes wollte sie lediglich das Handeln der Menschen damals verstehen, ihnen allerdings nicht im selben Zuge vergeben.

Im Anschluss dazu, haben wir das Beispiel Adolf Eichmann auf unser Thema, Kant, bezogen. Der Gedanke, war folgender: Welche Bedeutung das Wort „Pflicht“ für Kant hatte und welche wiederum für Eichmann? Diese beiden Bedeutungen, beziehungsweise Definitionen müssen sich stark unterscheiden, denn Eichmann hat seine Pflicht allein darin gesehen, die Befehle auszuführen, die ihm erteilt wurden, ohne groß darüber nachzudenken. Kant hingegen, sieht Pflicht, als den alleinigen Auslöser für moralisch gute Handlungen. Ein guter Wille, ist nur dann ein wirklich guter Wille, wenn er nicht pflichtgemäß, also aus beliebigen Beweggründen ist, sondern nur durch Pflicht bestimmt wird.

Damit kommen wir zu dem dritten Punkt, der Unterrichtsstunde, nämlich dem Kategorischen Imperativ von Kant, welcher das vollständig bedingungslose Handeln beschreibt und laut ihm, sind ausschließlich diese Handlungen moralisch gut. Nachdem wir ein Interview mit Kant gelesen hatten, indem er genaue Informationen zu seiner Ethik gibt und wir ausführlich geklärt hatten, was ein kategorischer Imperativ ist und in wiefern er sich von einem Hypothetischen Imperativ unterscheidet, also dem bedingten Handeln, versuchten wir eigene Beispiele zu finden. Doch bei dem Verallgemeinerungstest scheiterten alle Beispiele, die uns einfielen, nach Kant ist es garnicht so einfach moralisch gut zu handeln.

Arbeitsblatt: Verallgemeinerungstest mit Beispiel

 

 

Anregung zum Philosophieren: Schlafwandler?

 

Hannah
eigenes Foto, CC-by-SA

Im Nachgang zu unserer Diskussion über Eichmann las ich ein Buch über Hannah Arendt. Sie schreibt u.a. sehr direkt:

„Ein Leben ohne Denken ist durchaus möglich; es entwickelt dann sein eigenes Wesen nicht – es ist nicht nur sinnlos, es ist gar nicht recht lebendig. Menschen, die nicht denken, sind wie Schlafwandler.“ (Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes. Das Denken. Das Wollen. München 1998, S. 189f.)

Was meint ihr: ist ein Leben ohne Denken sinnlos? Kann jemand wie Eichmann als nicht-denkender Schlafwandler schuldig sein?

 

Kursprotokoll Doppelstunde 12.03.2014

Gymnasium Gerabronn; Ethik Grundkurs K1; alle (12) anwesend
Themen/Gliederung: 1) Erinnerung an Kant, 2) Freiheit und Sittlichkeit, 3) Das Floß; 12.03.2014
Protokollant: uschili

1) Erinnerung an Kant

Zunächst haben wir in Gruppen die Herleitung des kategorischen Imperativs aus der Freiheit bearbeitet. Dafür sollten wir verschieden Stichpunkte logisch sortieren. Hier ist eine von vielen Lösungen aufgezeigt.IMG_0839[1] IMG_0840[1] IMG_0841[1]
Zum Abschluss des Themas „Kant“ befassten wir uns mit Seite 11/12 und definierten technische und pragmatische Imperative, sowie Maximen (siehe Übersicht im Ethik Protokoll).

2) Freiheit und Sittlichkeit

Wir haben die Goldene Regel mit dem Kategorischen Imperativ verglichen (S.13).
Zu den Gemeinsamkeiten gehören der Handlungsleitsatz als Richtlinie, der Perspektivwechsel sowie die Verallgemeinerung, so dass es jeweils für alle Menschen gültig ist.
Jedoch ist bei den Unterschieden zu beachten, dass sich die Goldene Regel auf die Handlung und deren Folgen bezieht, während der Kategorische Imperativ stets die Motive betrachtet. Während die Goldene Regel das Handeln aus Selbstzweck und somit den hypothetischen Imperativ hervorruft, handelt man beim Kategorischen Imperativ aus Vernunft (kategorischer Imperativ).

3) Das Floß

Der Kurzfilm „Das Floß“ handelt von zwei abgemagerten Schiffsbrüchigen, die auf einem Floß auf dem offenen Meer treiben. Die zwei vor Hunger fast sterbenden Männer kämpfen um einen gefangenen Fisch. Einer der beiden fällt ins Wasser, ihm nähert sich ein Hai. Der Fisch landet auf dem Floß. Als sich eine Möwe dem Fisch nähert, muss der andere sich entscheiden, ob er dem einen aus dem Wasser hilft oder sich auf den Fisch konzentriert. An dieser Stelle stoppten wir den Film und überlegten uns Beweggründe wie Egoismus, schlechtes Gewissen, etc. Diese ordneten wir der deontologischen (deon=Pflicht; auch Gesinnung) bzw. der teleologischen (telos=Ziel/Wirkung) Ethik zu (siehe Tabelle im Ethik Protokoll).
Unsere Vermutung, er würde zu dem Fisch rennen, obgleich die Argumente sich für seinen möglichen Freund zu entscheiden überwogen, bestätigte sich, jedoch starb er ebenfalls.

Was ist Freiheit

(Inspiriert durch den Film „Drei Farben: Blau“ und http://www.epos.uni-osnabrueck.de/music/templates/buch.php?id=25)

Bedeutet Freiheit, frei zu sein von allem, was bindet?

Diese Frage wirft sich durch den oben genannten Film auf. Wenn man etwas so Schreckliches erlebt wie die Hauptperson des Filmes, will man, wie sie, erst einmal Abstand gewinnen bzw. alle Erinnerungen an die Person, die man verloren hat, vernichten, um nicht länger gequält zu werden. Dazu müssen auch alle Beziehungen abgebrochen werden, letztlich muss man sein ganzes Leben ändern, sich eine neue Umgebung suchen, um zumindest nicht mehr bei jedem Schritt und Tritt daran denken zu müssen. Vielleicht beschließt man auch, nie wieder Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen – auch sie könnte man doch eines Tages wieder verlieren, und dieses Risiko will man nicht mehr eingehen. Die Frau aus dem Film drückt sich so aus: »Aber jetzt habe ich verstanden, dass ich nur noch eins tun werde: nichts; dass ich keinen Besitz mehr will, keine Erinnerungen, keine Liebe, keine Bindungen, keine Freunde.«

Im Laufe des Films erlebt sie aber, dass Erinnerungen wie das Seil bei einem Bungeesprung sind: Wenn man losspringt (wenn man sich befreien will), spürt man zunächst nichts mehr von dem Seil und erlebt kurzfristig das Gefühl „absoluter Freiheit“ – aber bevor man den Boden erreicht, spannt es sich und man wird von ihm zurückgehalten (die Erinnerungen holen einen irgendwann wieder ein).

Diese Rolle der Erinnerung übernimmt in dem Film die Musik ihres Mannes, die ihr ständig in den Kopf kommt – genauso, wie man sich von einem Ohrwurm nur schwer wieder trennt, sind auch Erinnerungen nur schwer loszubekommen.

Letztlich muss sie einsehen, dass sie nicht ewig davonrennen kann, und sie beginnt, sich wieder neu für ihre Umwelt und menschliche Bindungen zu öffnen, schließlich komponiert sie sogar das Stück zu Ende.

Ich denke, dass das eine sehr gute Metapher ist: Freiheit bedeutet meiner Meinung nach nicht, frei zu sein von jeglicher Bindung und sich von allem loszusagen. Man mag eine Weile lang vermeintlich frei sein, aber irgendwann kommt, wie in dem Film mit der Musik, alles wieder zurück, und man spürt, dass man doch noch immer an dem „Bungeeseil“ der Erinnerungen hängt.

„Die Flucht nach vorn“ ist es also nicht, was frei macht. Ich denke, dass nur der frei ist, der vor nichts mehr davonlaufen muss, der seinen Frieden mit der Vergangenheit und mit seiner Lebenssituation geschlossen hat.

Was denkst du darüber? Was ist Freiheit?