Von Goblins und Priestern

Im tiefen Südwesten Chiles gibt es eine Insel namens Chiloé, welche die Heimat eines unglaublich hässlichen Goblins namens „El Trauco“ und seiner genauso hässlichen Frau ist. Aber obwohl er so hässlich ist, schafft er es dank seiner morphologischen Eigenschaften immer wieder, ein junges Mädchen zu schwängern. Das heißt, von seiner Art her ist er ähnlich wie der christliche Gott, nur lange nicht so berühmt. Soweit so Monogam. Ausserehelicher Sex und die darauffolgenden Nebenwirkungen sind ein verbreitetes Problem aller monogamen Zivilisationen und um nicht alle jungen und schwangeren Frauen an das soziale Stigma zu verlieren und sie verbannen zu müssen, ist es nur logisch eine gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit zu schaffen, die aber das Stigma an sich nicht verliert (darum ist El Trauco auch so betont hässlich). El Trauco ist sozusagen ein Sündenablassschein, um die Bevölkerung langfristig zu erhalten, ein klassischer Succubus. Doch was die Geschichte wirklich besonders macht, ist das, was die Kolonialisierung Chilés durch die Spanier aus dem Goblin machte. Ab da begann der Succubus häufiger die Form reicher Männer und frommer Priester anzunehmen, denn die Konquistadores waren selten für ihre freundliche Behandlung von einheimischen Frauen bekannt. Mit dem Einzug der Vergewaltiger in Chiloé bekam El Trauco die Rolle einer unausgesprochen Vereinbarung, um dem Problem aus dem Weg zu gehen. Aber man muss sich in die Haut der
indigenen Huilliches versetzen: Man konnte nicht die Übermacht der reichen und militärisch überlegenen Spanier überwinden. Und noch weniger konnte man tausende von jungen Frauen mit dem wichtigen Nachwuchs wegschicken. Doch vor allem konnte man nicht nachfragen, was wirklich passiert sei. Was sollen die Frauen denn sagen? Dass sie vom Inselgourverneur vergewaltigt wurden, und sie sein Kind austragen? Da war es für die Menschen das einfachste sich auf das Codewort „El Trauco“ zu reduzieren. Ein Südenablass für die Frau und ein Freifahrtsschein für Männer. Es ist einfacher an einem Goblin zu glauben, als die Wahrheit zu erforschen.

El Trauco (CC2, Wikimedia)

Genau das liegt in der Essenz von allem Glauben. Es ist einfacher nach den Worten des Korans seinen Lebensweg auszulegen, anstatt die intrinsische Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz auf den Schultern zu tragen. Zudem ist es wahrscheinlich auch besser, einen Glauben zu leben, anstatt „einen Wissen“ zu leben. Ich halte es für außer Frage, dass jeder Mensch, mit genug kognitiver Fähigkeit zu predigen, auch erkennt, dass es keinen tatsächlichen Sinn in seinem Glauben und Handeln gibt. Jedoch halte ich es für genauso außer Frage, dass jeder an etwas glaubt, auch der hartnäckige Empiriker und Skeptiker muss das machen. Was ist schon die Alternative? Wissen kann man nicht leben, noch weniger mit derart nihilistischem Wissen. Doch mit dem Wissen einen Glauben zu leben, das geht. Das konnten die tausende Inselbewohnerinnen, ihre Kinder und eine ganze Gesellschaft auch. Vielleicht ist es ein deprimierendes Gefühl, mit dem Wissen um diese Fehlerhaftigkeit in jedem Glauben weiterzuleben, aber die Jungfrauen, die im Himmel auf mich warten, gleichen dieses Gefühl wieder aus.

2 Antworten auf „Von Goblins und Priestern“

  1. Hallo Karthasis,

    du nennst umfangreich die Bedeutung, die der Glauben an den Goblin „El Trauco“ erfüllt. Vom Zusammenhalt der Gesellschaft bis zur Akzeptanzhilfe für Betroffene. Und doch schreibst du, dass es für den Gläubigen „ keinen tatsächlichen Sinn in seinem Glauben und handeln gibt.“ Damit erfüllt er doch absolut einen Sinn.
    Vorschnell ist die Gleichsetzung dieses Aberglaubens mit aller Religion. Freifahrtscheine sind eher selten in der Religion.
    So frage ich mich, ob es wirklich einfacher ist, zu glauben, als die Wahrheit zu erforschen. Man könnte sich fragen, ob die strengen Vorgaben der Religionen nicht schwieriger einzuhalten sind, als sie zu leugnen. Gerade die schwierigen Anforderungen sind es, die Verlässlichkeit in den Religionen schaffen können.

  2. Hallo New Nietsche,

    ich glaube, wenn man den den Rest des Paragraphen leist, aus dem du mich zitiert hast, ergibt sich, dass ich Glauben, unabhängig von ‚Aberglauben‘ oder Religion, nicht ihrem Sinn abspreche. Lediglich spiele Ich auf den (sehr interessanten) Kontrast zwischen der Unverständlichkeit des menschlichen Existenz und den verschiedenen Lösungsansätzen des Menschen auf diese Probleme an, zu denen Religion und (Ersatz-) Glauben angehört.

    Mit freundlichen Grüßen
    Karthasis

    Ps. Grüße an Frau Schütze

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