Sind Stierkämpfe in Spanien noch zeitgemäß?

Wir in Deutschland bekommen meist nur über die Nachrichten von Stierkämpfen mit. Meist werden diese in einem negativen Licht gezeigt, da Tierschutzorganisationen schon lange fordern, Stierkämpfe zu verbieten. Außerdem tragen Menschen häufig Verletzungen von den Kämpfen davon, selten gibt es sogar Tote. Trotzdem machen sich die meisten Deutschen wohl nicht so viele Gedanken in ihrem Alltag darüber, da es sie persönlich nicht betrifft.

Ganz anders als die Gesellschaft und die Stierkämpfer in Spanien, Portugal und Frankreich. Sowohl die Bevölkerung, als auch die Stierkämpfer in den Arenen lassen sich von diesem Spektakel mitreißen, während vor allem in den letzten Jahren immer wieder Stimmen von Tierschutzorganisationen laut wurden, dass man diese Tradition verbieten sollte. Die Forderung nach einem generellen Verbot der Stierkämpfe findet auch in der dortigen Bevölkerung immer mehr Anklang und zieht auch immer mehr in der Weltbevölkerung große Aufmerksamkeit auf sich. Denn viele fragen sich, ob es wirklich ethisch vertretbar ist, Tiere zum Zweck von Unterhaltung zu quälen und zu missbrauchen, obwohl es keinen großen rationalen Nutzen bringt. Auch das ethische Dilemma, ob man mit Tradition Tierleid rechtfertigen kann, wird oft disskutiert.

Um das Ausmaß der Stierkämpfe zu verdeutlichen, werde ich mich in diesem Blogpost vor allem auf Spanien beziehen, da dort schätzungsweise 80%-90% der Stierkämpfe stattfinden und sie dort auch am brutalsten sind. Doch warum sind Stierkämpfe aus ethischer Sicht problematisch?

Meine Eltern waren 2000 im Urlaub in Südfrankreich und habe „Stiere beim Gang in die Arena“ gesehen Quelle: Album meiner Eltern

Ein grausames Spektakel mit jahrhundertealter Tradition

Um zu verstehen warum Stierkämpfe immer noch stattfinden, muss man den historischen Kontext betrachten. Zuallererst haben Stierkämpfe eine lange Tradition. Die ersten Aufzeichnungen sind aus dem Jahr 1215, wo die Kämpfe in einem offiziellen Schreiben von Bischöfen verboten wurden. In den Jahren und Jahrhunderten danach wurde das Spektakel von verschiedenen Königen abwechselnd verboten und wieder erlaubt, doch trotz der Widerstände hat sich die jährlich mehrmals stattfindende rituelle Tötung eines Stieres bis heute gehalten.

Das Ritual folgt bis heute einem strikten, dreiteiligen Ablauf, der die Wehrlosigkeit und den Tod des Tieres systematisch herbeiführt. In einer 45m – 60m runden Arena befinden sich anfangs nur der Kämpfer, welcher auch „Torero“ genannt wird. Dann wird der Stier in eine Arena, voll mit tosendem Publikum gelassen, in der ihn ein Torero empfängt. Dieser versucht zuallererst den Stier mit einem Tuch abzulenken und zu verwirren, um den Stier zu „lesen“. Anschließend kommen zwei weitere Kämpfer auf Pferden in die Arena, welche das Ziel haben, den Stier mit einer Lanze am Nacken schwer zu verwunden. Im zweiten Teil des Kampfes werden dem Stier Metallspieße, welche mit bunten Bändern versehen sind, in den Rücken gespießt, um die Rücken- und Nackenmuskulatur weiter zu schwächen. Damit die Spieße nicht abfallen, sind sie mit Widerhaken versehen. Im dritten Teil widmet der Torero zuerst den Kampf mit dem Stier einer bestimmten Person, dann provoziert er den Stier erneut mit einem Tuch, um ihn zu ermüden. Dieser Teil gleicht einem Tanz, der auch oft mit Musik begleitet wird. Wenn ein Hornsignal ertönt, weiß der Torero, dass es Zeit ist, den Stier zu töten. Hierzu versucht er, mit einem Degen, der „Espada“, mit einem oder mehreren Stichen, das Herz und die Aorta des Stiers zu verletzen. Wenn der Stier dann aufgrund des hohen Blutverlusts auf dem Boden liegt, wird er endgültig mit einem Dolchstoß ins Genick getötet. Zum Schluss wird der Torero ausgiebig vom Publikum für seinen „Erfolg“ geehrt. In der Stadt Pamplona werden die Stiere sogar noch vor dem Kampf in der Arena durch die Stadt gejagt, wo es nicht selten zu Todesfällen und Verletzungen kommt.

Tierleid unter dem Deckmantel der Unterhaltung

Doch das größte Argument gegen Stierkämpfe ist wohl das Tierwohl. Die Tiere durchleiden eine sadistische und grausame Prozedur und werden unter unwürdigsten Umständen zu Tode gequält. Dies beginnt schon in den Tagen vor dem Kampf, in denen die Stiere tagelang eingesperrt im Dunkeln Zeit verbringen müssen, zusätzlich werden ihnen oft illegalerweise die Hörner abgeschliffen, um ihren Tastsinn stark einzuschränken. Das anschließende Traktieren der überforderten und desorientierten Stiere mit Dolchen und Lanzen in der Arena bereitet ihnen unglaubliche Schmerzen, bevor sie im Todeskampf immer wieder aufgehetzt und durch die Arena gejagt werden. Wenn die Tiere tot sind, schneidet der Torero ihnen als Trophäe für sich häufig die Ohren und den Schwanz ab. Das Grausame daran ist, dass der Kampfstier manchmal durch den Todesstich in den Nacken nicht stirbt, er muss also alles bei vollem Bewusstsein miterleben, auch wie er mit Ketten aus der Arena geschliffen wird und anschließend kopfüber aufgehängt wird um auszubluten.

Die Grausamkeit bei Stierkämpfen hört jedoch nicht bei den Kampfstieren auf: Auch die Pferde der Toreros werden oft verletzt oder sterben durch die panischen Stiere. Dabei können sie sich nicht schützen, da ihre Augen oft verbunden werden und die Ohren verstopft werden, um den natürlichen Fluchtinstinkt zu blockieren. Es gab auch schon Vorfälle, bei denen das Publikum verletzt wurde, da der Stier durch die Wände der Arena gebrochen ist. Stierkämpfe sind auch nicht die einzigen Feste, bei denen Stiere leiden. Es gibt Traditionen, bei denen lebendige Stiere angezündet werden oder von Menschenmassen fast zu Tode geprügelt werden.

Die Begeisterung für dieses brutale Spektakel nimmt zum Glück immer mehr ab, welches auch die aktuellen Zahlen zeigen. Laut dem deutschen Tierschutzbund befürworten nur noch etwa 14% der Bevölkerung in Spanien aktiv die Kämpfe, weswegen auch immer mehr Städte stierkampffrei werden. Hier kann man auch eine Spaltung der spanischen Gesellschaft erkennen: Während die Befürworter der Stierkämpfe eher männlich, über 45 Jahre alt sind und zum politischen rechten und konservativen Lager gehören, ist die Ablehnung gegenüber Stierkämpfen besonders hoch unter Frauen, jungen Menschen zwischen 18 und 34 Jahren, sowie Personen mit einem hohen Bildungsabschluss. An dieser Stelle wird dieses Thema auch relevant für die jüngere Generation in Spanien, da ihre Interessen mit der Legalität des Stierkampfes keinesfalls vertreten werden. Stattdessen spiegeln die Befürworter dieser Tradition nur einen kleinen, eher älteren und männlichen Teil der Gesellschaft wider. Eine Form des Protests gegen Stierkämpfe der jungen Leute sieht man auch im nächsten Bild. Aufgrund der sinkenden Einnahmen kann sich die Branche der Stierkämpfe auch nur noch über Tourismus und Subventionen, zum Beispiel aus der EU, aufrechterhalten. Dieser Punkt betrifft uns auch direkt in Deutschland, da ein Teil der Zuschüsse auch von deutschen Steuerzahlern mitfinanziert wird. Ich persönlich finde dies sehr schockierend, da meine Eltern als Steuerzahler indirekt die Stierkämpfe unterstützen, ohne je zugestimmt zu haben.

Ich persönlich finde Stierkämpfe und die dort sattfindende Tierquälerei ethisch und moralisch nicht vertretbar. Es ist unglaublich, dass in unserer heutigen westlichen und zivilisierten Welt Tradition über Leid geht und dass es legal ist, Tiere öffentlich zu Tode zu quälen, wo doch der Tierschutz mittlerweile immer mehr an Bedeutung erlangt hat. Für mich gleicht das fast den Gladiatorenspielen im römischen Reich – nur dass diese vor 2000 Jahren stattfanden und Stierkämpfe heute in einer „fortschrittlichen Welt“ immer noch offiziell gefeiert und unterstützt werden. Unfassbar ist für mich auch, dass Menschen, die gegen den Stierkampf aktiv werden, sogar Bußgelder drohen, da sie gegen das spanische „immaterielle Kulturerbe“ vorgehen.

Manche Eltern besuchen Stierkämpfe sogar mit ihren Kindern, was ich für sehr problematisch halte. Bei den Kämpfen findet eine Verharmlosung von Gewalt und Folter statt, was sich negativ auf die Psyche und die Weltanschauung sowohl der Kinder, als auch der Erwachsenen auswirken kann. Eine emotionale Abstumpfung oder sogar Verherrlichung von Gewalt und Tierquälerei kann zu einem höheren Aggressionspotential führen.

Auch wenn Unterstützer der Kämpfe den Mut der Stiere und die Kunstfertigkeit der Toreros feiern, denke ich dass Tradition nicht höher gestellt sein sollte als Leben und Tierwohl und in einer modernen Welt sollte dies eigentlich Normalität sein. Befürworter meinen auch, dass ohne die Stierkämpfe die Rasse des spanischen Kampfrinds aussterben würde und die wertvolle Kulturlandschaft „Dehesas“, die den Stieren als Weide dient, zu Grunde gehen würde. Jedoch denke ich, dass man dagegen vorgehen kann, so wie bei vielen andere Biosphären auch. Beispielsweise könnte man die Dehesas zu Naturschutzgebieten erklären, oder die spanischen Kampfrinder mit speziellen Artenschutzprojekten erhalten. Ein anderes Argument für Stierkämpfe wäre auch, dass die Stiere nur kurz leiden müssen und sonst ihr ganzes Leben lang artgerecht auf einer Weide gehalten werden, was bei anderen Zuchttieren, wie beispielweise Schweine, Rindern oder Hühnern nicht so ist. Dem stimme ich teilweise zu, da die Stiere wahrscheinlich größtenteils ein schönes Leben haben, jedoch ist die Tierquälerei am Ende völlig unnötig. Nutztierhaltung dient der Fleischproduktion und hat somit einen Nutzen, auch wenn man sich an dieser Stelle über den Fleischkonsum und die Haltung der Tiere streiten kann, während die Stierkämpfe nur zur reinen Unterhaltung da sind.

Mein Urteil: Tradition rechtfertigt kein Tierleid

Ich habe das Thema Stierkämpfe gewählt, da mir das Thema Tierwohl sehr am Herzen liegt und ich es deswegen umso schockierender finde, zu was für grausamen Taten Menschen gegenüber Tieren fähig sind. Insgesamt bin ich der Meinung, dass es ein generelles Verbot der Stierkämpfe geben sollte, nicht nur in Spanien, sondern auch weltweit. Tiere als fühlende Lebewesen leiden unnötigerweise öffentlich zum Zweck der Unterhaltung, was in unserer heutigen westlichen und eigentlich zivilisierten Welt unfassbar ist. Nicht nur für Tiere bringen die Stierkämpfe negative Folgen mit sich, sondern auch für Menschen. Und da laut der „Sigma-Dos-Umfrage“ (April 2025) etwa 78% der spanischen Bevölkerung die Stierkämpfe sowieso nicht unterstützt, kann man diese auch nicht mehr als immaterielles Kulturerbe oder gar als Teil der Kultur und Tradition bezeichnen. Auch Mahatma Gandhis Zitat zeigt, dass man die moralischen Werte einer Nation am Umgang mit Tieren erkennen kann, aber auch dass Tradition nicht die automatische Erlaubnis ist, Tiere schlecht zu behandeln. Es ist also längst überfällig, diese Kämpfe unter dem Deckmantel der Tradition abzuschaffen. Die spanische Regierung sollte den gesellschaftlichen Wertewandel anerkennen und die Stierkämpfe offiziell verbieten um verantwortungsvolles und ethisch korrektes Handeln zu zeigen. Um nun auf die Frage vom Anfang zurückzukommen: Ich finde Stierkämpfe absolut nicht zeitgemäß!

Auch können wir selbst etwas gegen Stierkämpfe tun. Im Internet gibt es Petitionen gegen Stierkämpfe, die man unterzeichnen kann (Deutscher Tierschutzbund oder PETA Deutschland) und durch Teilen von Artikeln im Internet kann gezielt aufgeklärt werden. Wichtig ist jedoch, dass man keine touristischen Angebote annimmt, die mit Stierkämpfen in Verbindung stehen, wenn man in Spanien oder anderen Ländern, in denen Stierkämpfe stattfinden, Urlaub macht. Leider denke ich, dass es in den nächsten Jahren nicht zu einem komplette Verbot der Stierkämpfe kommen wird, da diese von großer Wirtschaftlicher Bedeutung für Spanien sind. Ungefähr 200.000 Arbeitsplätze würden verloren gehen und man würde jährlich 1,5 Milliarden Euro weniger einnehmen. Trotzdem bin ich froh, dass in den letzten Jahren die Stierkämpfe insgesamt immer weniger geworden sind. Es findet also aktuell eine große Veränderung im Denken der spanischen Gesellschaft statt und je mehr Menschen sich gegen Stierkämpfe einsetzen, desto mehr wird die Regierung unter Druck gesetzt, etwas zu ändern, oder die Stierkämpfe komplett zu verbieten.

Wie steht ihr zu den folgenden Fragen?

  • Was ist wichtiger – Tradition oder Tierwohl?
  • Würdet ihr einen Stierkampf besuchen wenn ihr die Gelegenheit hättet?
  • Ist es scheinheilig, am Stierkampf Kritik zu üben, während viele Deutsche Fleisch aus Massentierhaltung konsumieren?
  • Ist es ethisch vertretbar, dass deutsche Steuergelder in Stierkämpfe fließen, obwohl Stierkämpfe in Deutschland offiziell verboten sind?

Quellen:

Stierkampf – Wikipedia

https://www.tierschutzbund.de/tiere-themen/tiere-in-sport-und-unterhaltung/stierkampf

https://www.peta.de/themen/stierkampf

https://www.animanaturalis.org/n/46851/El-78-de-la-poblacion-espanola-rechaza-la-tauromaquia-segun-una-nueva-encuesta

https://www.animanaturalis.org/n/47018/la-tauromaquia-queda-fuera-por-tercer-ano-consecutivo-de-las-medallas-de-oro-de-las-bellas-artes

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