Religionen und Sterbehilfe – Stundenzusammenfassung 11.11.2020

Ethikunterricht K2, 11.11.2020, 11:25-13.00 Uhr, verfasst von Iduna (14.11.2020)

Thema: Religion und Religionskritik: Sterbehilfe

Referentin (Kürzel): Sü

Anwesend: 9 von 15 Schülern

Ablauf/ Gliederung:

  • Einstieg in das Thema durch Zitat von Prof. Dr. Udo Reiter
  • Kritische Auseinandersetzung der Schüler mit Reiters Position
  • Interview der „Zeit“ mit Uwe-Christian Arnold
  • Beschäftigung mit den Standpunkten verschiedener Religionen zum Thema Sterbehilfe (Gruppenarbeit) und kurze Vorstellung

Ich habe trotz 47 Jahren im Rollstuhl ein schönes, selbstbestimmtes Leben geführt und möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen Leuten gefüttert und abgeputzt werden muss

Prof. Dr. Udo Reiter, MDR-Intendant a. D.

Reiter beging im Alter von 70 Jahren Suizid was zur Frage führte, wie die Grundeinstellung der anwesenden SchülerInnen zu diesem Thema war. Durch die Methode einer Stimmungslinie wurde deutlich, dass alle Anwesenden grundsätzlich der Meinung waren, dass Sterbehilfe erlaubt sein sollte.

Überzeugende Argumente waren hierfür, das der Mensch frei über sein Leben entscheiden und dementsprechend auch die Freiheit über seinen Todeszeitpunkt haben sollte. Außerdem sollte jeder Mensch seine Würde auch im hohen Alter bewahren können. Sowohl eine lange Leidensphase, in der der Mensch vollkommen auf Andere angewiesen wäre, als auch eine unkontrollierte Selbsttötung ohne professionelle Hilfe würden diese Würde beschädigen. Zudem würden eventuell auch unabhängige Menschen mit belastet werden. Beispielsweise wäre es möglich, das ein sehr kranker Mensch nicht mehr leben möchte und sich, weil er keine Sterbehilfe bekommt, vor einen Zug stürzt. Das wäre nicht nur für den Betroffenen würdelos und um einiges brutaler, sondern würde auch Verwandte und die Zugpassagiere mehr treffen.

Wichtig erschien jedoch auch, dass der Mensch in einer Verfassung sein müsste, in der er noch klar über seine Zukunft entscheiden könnte.

Argumente gegen Sterbehilfe sind oftmals religiöser Art, womit wir uns später genauer befassten. Auch, dass der Weg zum Tod erleichtert wird, spricht gegen diese Hilfe. Menschen, die vor der eigentlichen Brutalität eines Suizids zurückschrecken, könnten sich viel schneller für die professionelle und weniger schmerzhafte Variante entscheiden. Auch die Angst vor Missbrauch führen Gegner der Sterbehilfe auf. Zudem wird der Betroffenen einem sehr starken Druck ausgesetzt. Manche könnten sich für den Tod entscheiden, um ihre Familie zu entlasten.

„Würde“ ist auch für den ehemaligen Arzt Uwe-Christian Arnold ein wichtiger Aspekt. Er begleitete viel Schwerstkranke und beging nach einer Krebserkrankung Suizid. In einem Interview, welches er zuvor mit der „Zeit“ führte, erklärte er, viele Menschen würden lieber in „in absehbarer Zeit qualvoll [..] sterben, als […] auf unbestimmte Zeit und unerträgliche Weise [weiterzuleben]“. Die Grenze sei vom individuellen Empfinden abhängig und das eigene Entscheiden über diese Grenze gehöre zur Menschenwürde. Der Arzt hingegen, sei nur verpflichtet, die Entscheidung zu prüfen. Auch Verwandte würden beim assistierten Suizid nicht entscheiden, sondern allein der Betroffene selbst. Deshalb hält Arnold die Angst vor Missbrauch beispielsweise für Theorie. Selbst wenn er grundsätzlich für ein „Recht auf letzte Hilfe“ ist, sagt auch er manchmal „nein“ zu seinen Patienten. Ohne Bedenkzeit und gründliche Gespräche würde der niemandem „helfen“ so wie er es ausdrückt. An ein Leben nach dem Tod oder ein Jenseits glaubt Arnold nicht.1

Grundsätzlich wird Sterbehilfe in passive, indirekte und aktive Sterbehilfe sowie Assistenz zur Selbsttötung gegliedert. Passive Sterbehilfe bedeutet, dass auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet, indirekte, dass der Tod als Nebenwirkung bei einer Behandlung in kauf genommen und Assistenz zur Selbsttötung, dass das tödliche Medikament bereit gestellt wird, der Patient es sich jedoch selbst zuführen muss. Aktive Sterbehilfe ist die Tötung eines Patienten, auf dessen Wunsch hin.

Sterbehilfe ist eine weitverbreitete ethische Fragestellung, weshalb es sehr viel unterschiedliche Positionen gibt. Sowohl Religionen und Philosophen, als auch die Gesetzgebenden haben sich eine Meinung zu diesem Thema gebildet.

Im Islam wird der Körper als Leihgabe Gottes verstanden. Der Mensch, also der Inhaber des Körpers ist für ihn verantwortlich und soll ihn erhalten. Gleichzeitig wird jedoch auch aufgeführt, dass der Tod nicht verzögert werden darf. Im Koran wird Leid als „Wille Gottes“ beschrieben und das Leben als Prüfung wahrgenommen. Dementsprechend lehnen Muslime Sterbehilfe grundsätzlich ab. Durch verschiedene Interpretationen und Übersetzungen gibt es jedoch ein sehr großes Spektrum an Positionen und Meinungen im Islam.

Auch Buddhisten lehnen Sterbehilfe ab. Für sie ist das Leben ein Kreislauf und Suizid würde lediglich dazu führen, neu geboren zu werden (Reinkarnation). Die Leiden wären dadurch jedoch nicht verschwunden. Einen Tod aus Mitleid oder Liebe gibt es im Buddhismus nicht. Sowohl der Helfer, als auch der Patient würde durch diese Tat schlechtes Karma erfahren. Passive Sterbehilfe ist im Vergleich zur aktiven jedoch erlaubt.

Der Utilitarist Peter Singer findet, dass die Wünsche und Präferenzen eines Menschen auf Grund dessen Bewusstsein über sie, an erster Stelle stehen sollen. Aus diesem Grund hält er Mord beispielsweise für verwerflich. Die Zukunftsvorstellungen des Opfers würden dabei nämlich durchkreuzt werden. Sterbehilfe unterstützt er, da der Tod hier eine Präferenz ist. Auch aktive Sterbehilfe lehnt er nicht ab.

Gesetzlich wurde Sterbehilfe so festgelegt, dass die geschäftsmäßige Förderung untersagt war. Ein kommerzieller Hintergrund war also Strafbar. Passive Sterbehilfe, sowie Assistenz zur Selbsttötung hingegen war erlaubt. Der Artikel §217, der dies festlegte wurde am 26.02.2020 jedoch für nichtig erklärt und die Debatte über ein neues Gesetz ist noch nicht abgeschlossen.

Gerade deshalb ist es äußerst wichtig, sich selbst eine Meinung zu diesem Thema zu bilden und eventuell mit Verwandten darüber zu sprechen. Es keinen richtigen Weg, trotzdem muss in der Gesetzgebung ein allgemeines Recht gelten. Wie hier die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdbestimmung verlaufen wird auch in Zukunft eine spannende Frage bleiben.

Anhang

  • Quelle der Zitate, Fußnote 1:Textausschnitt von „Es gibt ein Recht auf letzte Hilfe“
    • Hier Link zum ganzen Interview:
  • Genauere Erklärung zu Arten der Sterbehilfe

https://www.meinepatientenverfügung.de/ratgeber/ethische-hintergruende/sterbehilfe/

Ethik ist wichtiger als Religion ~ Der Appell des Dalai Lama

„An manchen Tagen denke ich, dass es besser wäre, es gäbe gar keine Religionen!“ Wer könnte einen solch provokanten Satz verfasst haben? Sicherlich niemand religiöses, oder? Falsch gedacht, dieses Zitat stammt von dem Dalai Lama. Eine Welt ohne Religionen und die Bräuche, Kulturen, aber auch Probleme, die diese geschaffen haben, ist kaum vorstellbar. Um allerdings verstehen zu können, was dieser Ausspruch bedeutet muss man den Verfasser genauer betrachten.

Der Dalai Lama ist das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. Der Legende nach ist der Dalai Lama das Wesen Avalokiteshvaras. Dies ist der Bodhisattva (ein vollkommen erleuchtetes Wesen) des Mitgefühl und der Schutzpatron von Tibet. Durch Reinkarnation bleibt der Dalai Lama sozusagen langfristig auf der Erde. Der Dalai Lama übt allerdings nicht nur spirituelle Funktionen aus, sondern ist auch das Oberhaupt der tibetischen Regierung. Das Wort Dalai stammt aus dem Mongolischen und steht für Ozean (voll Weisheit) und Lama ist tibetanisch und bedeutet Lehrer.

Der aktuelle Dalai Lama trägt den Namen Tenzin Gyatso und er ist der 14. seiner Art. Aufgrund des Konfliktes zwischen China und Tibet, war der Dalai Lama 1959 gezwungen aus Tibet zu fliehen und nach Nordindien ins Exil zu gehen. Der chinesische Konflikt ist der Grund, weshalb der Dalai Lama entschieden hat, dass er wahrscheinlich vorerst der letzte seiner Art gewesen ist. Somit will er den Einfluss der chinesischen Regierung in den tibetanischen Buddhismus verhindern.

Der Friedensnobelpreisträger ist bekannt für seine Offenheit, seine Freundlichkeit und sein sympathisches Lachen. Er steht für Mitgefühl und Einsicht: „Ich kenne keine Feinde. Es gibt nur Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe.“ Dies bezieht sich vor allem auf die Volksrepublik China. Obwohl er aus seinem Land fliehen musste, hegt er keinen Groll gegen die chinesische Regierung, was ich sehr bewundernswert finde.

Die Grundaussage des Dalai Lama ist, dass die Menschheit zusammenhalten soll und sich als Einheit sehen, statt sich aufgrund von sekundären Merkmalen zu distanzieren und gegenseitig auszugrenzen. Nationalität, Religion, Kultur und Aussehen sind zweitrangig. Er beginnt seine Reden stets mit: „Liebe Brüder und Schwestern“, da er jeden Menschen als sein Geschwister betrachtet. Eine weltweite Einheit würde viele Missstände beseitigen, welche ausschließlich aufgrund der Überbewertung solcher Merkmale auftreten. Deshalb ist er ein absoluter Fan der Europäischen Union, da es hier geschafft wurde ehemalige Kriegsfeinde in einem Bündnis zu vereinen. Russland als Mitglied der EU wäre ein Traum für ihn. Gewaltlosigkeit, Abrüstung und das friedvolle Lösen von politischen Konflikten sind zentrale Themen für ihn. Er steht ebenso für Klimaschutz, Gleichberechtigung und er ist Atomwaffengegner. Im Westen wäre er also eher links orientiert.

Besonders wichtig ist ihm eine säkulare Ethik. Diese besteht aus Mitgefühl, Vergebung, Geduld und Friedfertigkeit. Wie der Titel verrät, stellt er diese Ethik über Religion. Mitgefühl und moralische Grundsätze sind dem Menschen angeboren, religiös wird ein Mensch erst durch äußere Einflüsse. Der Dalai Lama brachte einst diesen treffenden Vergleich:

Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte, nicht ohne Ethik. Der Unterschied zwischen Ethik und Religion ähnelt dem Unterschied zwischen Wasser und Tee. Ethik und innere Werte […] sind eher wie Wasser. Ohne Wasser kein Leben. Der Tee, den wir trinken, besteht zum größten Teil aus Wasser, aber er enthält noch weitere Zutaten […] und das macht ihn gehaltvoller, nachhaltiger und zu etwas, dass wir jeden Tag haben möchten. Aber unabhängig davon, wie der Tee zubereitet wird: Sein Hauptbestandteil ist immer Wasser. Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genauso werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl.

~ Dalai Lama

Meiner Meinung nach, vertritt der Dalai Lama äußerst interessante Ansichten. Ich finde Religionen bereichern die Vielfalt der Menschheit durch Bräuche und die Prägung von unterschiedlichen Kulturen. Allerdings haben Religionen der Menschheit auch schon viel Unglück gebracht.

Religionen sind etwas sehr persönliches und jeder sollte das glauben und ausleben, was er will, solange dabei niemandem geschadet wird. Ich finde es allerdings sehr schade, dass es so viele Mitläufer gibt. Ich frage mich des Öfteren, wie viele Menschen ihrer jetzigen Religion angehören würden, wenn alle Kinder unbeeinflusst aufwachsen würden und ihnen nach Bekanntmachung mit den unterschiedlichen Religionen die Wahl gelassen werden würde, ob sie einer Religion beitreten, bzw. welchen Glauben sie vertreten und ausleben wollen. Wie bereits erwähnt, ist Glaubensfreiheit sehr wichtig, allerdings nehmen viele Menschen Religionszugehörigkeiten als weiteres Merkmal nach dem kategorisiert werden kann. Dies führt zu Kriegen, Terroranschlägen und Ausgrenzung. Dabei ist die Religion doch ein so kleiner Teil des Daseins eines Menschen. Wir haben alle ähnliche Körper, Gehirne, Intelligenzen sowie die gleichen angeborenen Grundwerte. Ich kann mir gut vorstellen, dass in vorangegangenen Zeiten, in welchen die Bevölkerung der Erde isoliert zueinander lebte, ein engstirnigeres Weltbild hatten als viele, zumindest aus der westlichen Welt es heute vertreten. Damals war es einfach sich in physische und ideologische Unterschiede hinein zu steigern, was zahlreiche Kriege belegen. Selbst innerhalb einer Religion gibt es oft Differenzen, wie im Christentum zwischen evangelisch und katholisch. Heute leben wir allerdings in einer modernen und globalisierten Gesellschaft, in welcher meiner Meinung nach Ausgrenzung aufgrund der genannten Merkmale kein Platz mehr hat. Ich kann hier also den Appell des Dalai Lama unterstützen. Alle sollten sich in einer allgemeingültigen säkularen Ethik, Geduld und Altruismus üben. Natürlich dürfen Menschen gerne ihre Religion vertreten und ausleben, allerdings nur wenn dies nicht als Anlass gesehen wird, den Rest der Gesellschaft, der nicht eben dieser Religion angehört, herabzustufen.

Wir leben in einer Welt, die von Kapitalismus, Egoismus und sozialen Unterschieden geprägt ist. Wäre nicht eine Welt erstrebenswert in der es keine BlackLivesMatter-Bewegung geben würde, weil es niemals angezweifelt würde, dass das Leben eines Menschen etwas wert ist? Was haltet ihr von dem Thema? Stimmt ihr dem Dalai Lama zu oder findet ihr Religion wichtiger als Ethik?

Quellen:

Hier habt ihr eine gute kurze Zusammenfassung über den Dalai Lama (englisch!)