Frauen – das mitgemeinte Geschlecht. Oder doch nicht?

„Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie überqueren einen unbewachten Bahnübergang, als ein heranfahrender Zug das Auto erfasst. Der Vater ist sofort tot. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus zur Notoperation eingeliefert. Er liegt im OP, da geht die Tür auf, und der Chirurg kommt herein. Er schaut den Patienten an und sagt: „Ich kann ihn nicht operieren, er ist mein Sohn.““ (Quelle)

Wer kommt euch als erstes in den Sinn, wenn ich die Frage stellen würde: Wer ist der Chirurg in dem Szenario?

Sprache macht so einiges mit uns. Wir sind tagtäglich von Sprache umgeben und können durch den Gebrauch der Sprache verschiedene Bilder im Kopf eines Menschen auslösen. Denn Sprache ist Macht und wer von dem gesprochenen gemeint ist, wird mit Macht assoziiert.

Als ich das erste Mal dieses Chirurgen-Beispiel gehört habe, waren das meine Gedanken: hä, ich dachte der Vater sei gestorben. Im nächsten Moment habe ich an ein Schwules Ehepaar gedacht. So oder so ähnlich sahen bestimmt auch eure Gedanken aus, nachdem ihr dieses Gedankenexperiment gelesen habt.

Das ist das beste Beispiel dafür, dass unsere Sprache Bilder erzeugt und zwar hauptsächlich männliche Bilder. Das ist sprachhistorisch gesehen ganz normal, denn die „neutrale“ Sprache/Formulierung ist auf Männer ausgelegt. Das nennt man auch das generische Maskulinum.

Das generische Maskulinum soll als allgemein gültiger Oberbegriff für Personengruppen (bspw. Berufsgruppen) dienen, in denen alle Geschlechter vertreten sind. In der Realität gibt das generische Maskulinum einen scheinbar neutralen Begriff für diese Personengruppen vor, der aber nur die männliche Personen- oder Berufsbezeichnung angibt. Durch das generische Maskulinum wird die männliche Bezeichnung die „Norm“ und Studien haben belegt, dass das weibliche Geschlecht so weniger sichtbar oder sogar unsichtbar wird. 

Sprachlich gesehen ist die weibliche Form von z.B. Berufsbezeichnungen aus der männlichen Form und dem Anhang -in gebildet. Wenn man das historisch betrachtet, wurde diese weibliche Form geschaffen, um den Frauen der berufstätigen Männer eine Bezeichnung zu „geben“. So war z.B. die Frau des Bäckers die Bäckerin, ohne, dass sie diesen Beruf ausgeübt hat. Als Frauen auch arbeiten durften, haben sich die männlichen Bezeichnungen durchgesetzt und das generische Maskulinum wurde für alle Geschlechter verwendet. Das Problem hierbei ist, dass so hauptsächlich männliche Bilder in unsere Köpfen erzeugt werden. 

Als Beispiel: „Alle Sänger heute Abend waren toll!“ – Was für Personen habt ihr vor Augen? Von den Sängern an diesem Abend waren 5 Männer und 95 Frauen. Trotzdem wird das generische Maskulinum für alle 100 verwendet. Ist das fair? Sind Frauen wirklich mit gemeint oder werden sie ausgeblendet?

Das Problem des generischen Maskulinums ist in den letzten Jahren immer mehr in der Vordergrund gerückt. Mittlerweile gibt es Menschen, die sich dagegen wehren und Möglichkeiten suchen eine gendergerechte Sprache zu etablieren.

Eine Möglichkeit ist das Gendern. Beim Gendern werden Mann und Frau auf sprachlicher Ebene gleichgestellt und als Gleichberechtigte angesprochen. Es gibt drei Möglichkeiten zu Gendern:

  1. das neutrale Gendern: hier wird anstelle dem generischen Maskulinum ein geschlechtsneutraler Begriff benutzt. Bsp.: statt die Lehrer, die Lehrkräfte
  2. Das feminine Gendern: hier werden entweder beide Geschlechter genannt oder durch eine Abkürzung hinzugefügt. Bsp.: Lehrer und Lehrerinnen oder LehrerInnen
  3. Das Gender-Zeichen: hier wird zwischen der männlichen Form und der weiblichen Endung ein Stern, ein Doppelpunkt oder ein Unterstich gesetzt. Diese „Pause“ oder „Lücke“ ist ein Platzhalter für alle, die sich keinem der beiden Geschlechter spezifisch zu ordnen. Bsp.: Lehrer*innen, Lehrer:innen oder Lehrer_innen

Alle drei Methoden des Genderns sind gängige Methoden und es gibt kein richtiges oder falsches Genden.

Neben dem Gendern gibt es auch noch die Idee des generischen Femininums. Hier würde für eine gemischte Personengruppe immer die weibliche verwendet werden. Und es gibt die Idee, die Sprache komplett zu neutralisieren, wie es im Englischen der Fall ist. Das könnte im deutschen mit dem Artikel „das“ umgesetzt werden. Bsp.: Das Lehrer. Eine andere Möglichkeit des Neutralisierens ist das Anhängen eines y an den Wortstamm. Bsp.: Lehry, Schüly

Das Gendern hat sich in allen drei Formen bis jetzt am meisten durchgesetzt und ist in Deutschland am meisten verbreitet.

Mit der Etablierung einer gendergerechten Sprache in unsere Gesellschaft stellt sich natürlich die Frage, wie effektiv ist das Gendern und brauchen wir es überhaupt.

Wie bei jeder Debatte gibt es Für- und Gegensprecher, so ist es auch bei der Frage, ob das Gendern sinnvoll ist. Durch diese Frage spaltet sich die Gesellschaft enorm. Viele Gender-Gegner führen die Argumente an, dass Gendern umständlicher und schwerer zu verstehen sei, außerdem werden sprachliche Irritationen ausgelöst. Zudem sei das Gendern gar nicht notwendig, denn mit dem generischen Maskulinum habe man eine neutrale Bezeichnung und Frauen seien mit gemeint. Ein weiteres Argument der Gender-Gegner, ist, dass durch das Gendern das Geschlecht in den Mittelpunkt gestellt wird, obwohl es in diesem Kontext irrelevant wäre.

Neben der Kritik am Gendern, die bis zu einem gewissen Grad auch angemessen und nachvollziehbar ist, hat das Gendern nachweislich positive Effekte, die von den Gender-Befürwortern angebracht werden. Frauen werden so sichtbar und sind eben nicht mehr „nur“ das mit gemeinte Geschlecht. Das führt dazu, dass sich Kinder mehr Berufe zutrauen und generell mehr Menschen offener für eine weitere Bandbreite an Berufen sind. Häufig denken Menschen offener über Geschlechterrollen, wenn gegendert wurde. Und das ist meiner Meinung nach ein guter Anfang. 

Durch das generische Maskulinum werden Frauen unsichtbar und sind eben nicht mit gemeint. Durch die Veränderung in der Sprache wird diesem Problem entgegengewirkt. Es ist klar, dass durch das Ändern der Sprache das Problem, dass Frauen in der Gesellschaft weniger präsent sind als Männer nicht behoben werden kann, aber es ist ein guter Start. Kübra Gümüşay schreibt in ihrem Buch „Sprache und Sein“ darüber, dass Menschen durch den Gebrauch der Sprache nicht mehr in Kategorien oder Klischees gedrängt werden sollen. Durch eine gendergerechte Sprache wäre das ein erster Schritt dem gesellschaftlichen Problem entgegenzuwirken. 

Das populäre Genderzeichen (* oder _), steht sowohl sprachlich als auch grammatikalisch in der Kritik. Auch Sprachwissenschaftlerin und Begründerin der feministischen Linguistik Luise F. Pusch steht der Genderzeichen kritisch gegenüber. Durch das Genderzeichen werden zwar alle Geschlechter mit einbezogen, aber die weibliche Form wird mit einer Lücke zur männlichen Stammform geschrieben. So wird das Wort geteilt und die weibliche Form ist wieder nur ein Anhang an die männliche Form, was das weibliche Geschlecht herabsetzt.

Nachdem, was ich alles über Sprache und das generische Maskulinum gelesen habe, ist es mir immer öfter aufgefallen und ich habe speziell darauf geachtet, welche Bilder bestimmte Formulierungen bei mir erzeugt haben. Nachdem was ich bei mir beobachten konnte, ist das generische Maskulinum vordergründig eine männliche Bezeichnung, egal welche Intention des Mitmeinens dahinter steht. So sind Frauen kein mitgemeintes Geschlecht, sondern gehen in unserer Sprache verloren. Mehrere Studien haben eben dieses Phänomen bewiesen, dass das weibliche Geschlecht und auch andere Geschlechter in der Sprache untergehen und eben nicht mitgemeint sind.

Durch das Gendern wird diesem Problem entgegengewirkt. Ich kann sowohl die Kritik am Gendern, als auch das positive daran verstehen. Im ersten Moment sind Veränderungen etwas Neues, etwas, dass jeder und jede einzelne vorher nicht kannte. Ja unsere Sprache wird durch das Gendern verändert, aber Sprache ändert sich ständig. Ich bin der Überzeugung, wenn etwas wie z.B. das Gendern lange genug durchgeführt wird, haben wir uns daran gewöhnt und es fällt uns nicht einmal mehr auf. Ich finde die Veränderung in der Sprache einen ersten und sehr wichtigen Schritt, aber das ist meiner Meinung nach nur der Anfang. Um die Gleichberechtigung aller Geschlechter zu erlangen reicht es nicht allein die Sprache zu ändern.

Inwieweit das Gendern Erfolg haben wird, kann ich nicht sagen. Ich denke und würde es mir sehr wünschen, wenn wir in Zukunft eine genderneutrale oder zumindest gendergerchte Sprache hätten, denn Frauen sollten neben den Männern nicht nur mit gemeint sein, sondern entweder als gleichberechtigt angesprochen werden oder das Geschlecht vollkommen irrelevant in der Sprache machen.

Das Interview mit Luise F. Pusch: https://www.jetzt.de/hauptsache-gendern/gendern-linguistin-luise-f-pusch-ueber-das-gendersternchen-und-geschlechtergerechte-sprache

Weitere Quellen:

https://www.welt.de/kmpkt/article194491179/Generisches-Maskulinum-Warum-es-nicht-ausreicht-Frauen-mitzumeinen.html (zuletzt geöffnet am 12.07.2021)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/diskriminierungsfreie-sprache-argumente-gegen-das-gendern.1264.de.html?dram:article_id=487133 (zuletzt geöffnet am 12.07.2021)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.