Ist es ethisch vertretbar heute in die USA zu ziehen, obwohl dort Menschenrechtsverletzungen stattfinden?

Nach dem Abitur in ein anderes Land zu ziehen, um dort zu studieren, ein Au-pair zu machen oder zu arbeiten, ist der Traum vieler. Insbesondere die USA ist aufgrund ihrer vielen Berufs- und Studienmöglichkeiten ein besonders beliebtes Auswanderungsland. Doch seit der erneuten Amtszeit von Donald Trump (20.01.2025) ist die politische Lage sehr angespannt und es findet eine Vielzahl von Konflikten statt, bei denen Menschenrechte verletzt werden. Aus diesem Grund stellt sich die Frage, ob es überhaupt ethisch vertretbar ist, derzeit in die USA zu ziehen, obwohl dort Menschenrechtsverletzungen stattfinden. Zu Beginn meiner Recherche schätzte ich selbst die Frage so ein, dass für mich persönlich ein Umzug ethisch vertretbar sein kann, wenn die Gründe für ihn ethisch vertretbar sind und wenn man selbst eine ethisch vertretbare Haltung, in diesem Fall gegenüber der Einhaltung von Menschenrechten, hat und diese nach dem Umzug weiterhin vertritt.

Die Beantwortung der ursprünglichen Fragestellung erfordert eine kurze Auseinandersetzung mit dem Themengebiet der Ethik, um zu verstehen, wann genau ein Handeln überhaupt ethisch vertretbar ist und welche Kriterien dabei berücksichtigt werden müssen. Zu Beginn ist festzuhalten, dass die Frage, ob eine Handlung moralisch beziehungsweise ethisch richtig und verantwortungsbewusst ist, nie eindeutig zu beantworten ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass eine allgemeingültige Festlegung nicht möglich ist, doch im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Richtungen, die sich mit dieser Frage nach dem moralisch Richtigem auseinandersetzen, ergeben, wobei sich drei grundlegende Moralprinzipien entwickelten. Die Deontologische Ethik richtet ihren Fokus auf Regeln, Gebote, Pflichten und Prinzipien, wobei eine Handlung als moralisch richtig definiert wird, wenn der Betroffene aus einem Motiv handelt, das sich auf bestimmte geltende Regeln bezieht. Zum Beispiel ist es eine Pflicht, Menschenrechte zu respektieren, unabhängig davon, welche potenziellen Konsequenzen sich daraus ergeben könnten. Als zweite Theorie ist die Konsequentialistische Ethik anzuführen, welche sich, ähnlich wie der Utilitarismus, auf die Folgen eines Handels fokussiert. Dabei wird festgelegt, eine Handlung sei dann moralisch gut, wenn ihre Konsequenzen das großmöglichste Wohl fördern. Darüber hinaus ist die Tugendethik zu nennen, die sich in erster Linie auf die handelnde Person bezieht. In diesem Kontext fragt man nicht primär nach Regeln oder Folgen sondern legt den Fokus auf die richtige Einstellung und Haltung der Person, welche auf den jeweiligen persönlichen Neigungen basieren. Die Fähigkeit etwas Gutes aufgrund seiner inneren Neigung zu tun bezeichnet man als Tugend. Bei dieser Theorie entscheidet also die Person selbst, ob sie ihre Handlungen als ethisch vertretbar, aufgrund ihrer individuellen moralischen Überzeugungen und Wertvorstellungen, sieht.

Diese Theorien helfen uns nun den moralischen Wert eines Umzugs zu bewerten und ihn nicht nur an persönlichen, und somit subjektiven, Vorlieben festzumachen, sondern ihn auch objektiv zu betrachten.

Argumente gegen einen ethisch vertretbaren Umzug

Um die Fragestellung erneut aufzugreifen, werden im Folgenden verschiedene Argumente präsentiert, die gegen einen moralisch unkritischen Umzug in die USA sprechen.

Ein derzeit großer Streitpunkt in den USA ist unter anderem der Umgang mit Migrant*innen, da Donald Trump gegenüber diesen eine ablehnende Haltung zeigt und die Migranten deshalb oftmals schwierigen Lebensbedingungen ausgesetzt sind. Berichte von Amnesty International zeigen, unter welchen unmenschlichen Umständen Migrant *innen in Hafteinrichtungen leben müssen. Sie zeigen den nur unzureichenden Zugang zu medizinischer Versorgung und die körperlichen sowie psychischen Belastungen, den die Menschen dort ausgesetzt sind. Bei der Befragung von dort inhaftierten Personen, äußern diese, dass es in den Einrichtungen Behandlungen gebe, die mit Folter verglichen werden können. Als Beispiel wird die sogenannte „Box“ genannt, in der die Migranten als Strafe gefesselt und ohne jeglichen Schutz vor Witterungen eingesperrt werden. Diese Informationen sind nicht nur erschreckend, sondern zeigen auch wie drastisch in den USA die Menschenrechte gegenüber Migranten verletzt werden.

Doch nicht nur Migranten sind von Menschenrechtsverletzungen in den USA betroffen, denn seit der Amtszeit von Donald Trump werden dem gesamten amerikanischen Volk immer mehr Rechte aberkannt, welche teils sogar unter Menschenrechte fallen. Aufgrund dieser vielen Einschränkungen und Eingriffe in die Menschenrechte kommen immer mehr Proteste auf, die sich gegen die Vorgehen von Trump äußern. Die unabhängige Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch, welche sich für den Schutz und die Verteidigung der Menschenrechte einsetzt, veröffentlichte 100 Tage nach der Amtsübernahme Trumps eine Liste mit 100 rechtsverletzenden Maßnahmen, die in diesen ersten 100 Tagen bereits getätigt wurden. Darunter aufgelistet sind Maßnahmen wie die erneute Anwendung des Hyde Amendment, welches verhindert, dass staatliche Mittel für Schwangerschaftsabbrüche bereitgestellt werden oder die Wiedereinführung des Dekrets (=ein Gesetz ohne Beteiligung des Parlament, sondern eine verbindliche Anordnung des Präsidenten an die Exekutive), dass die Regierung nur noch die zwei Geschlechter Mann und Frau anerkennt, die ab der Geburt festgelegt sind. Darüber hinaus wurde die Todesstrafe für besonders schwere Straftaten wie beispielsweise Mord oder Totschlag (auch Kapitalverbrechen genannt) festgelegt. Außerdem ließ Trump die finanziellen Mittel für ein Programm, das sich um rechtlichen Beistand für minderjährige Migranten kümmert, streichen. Des Weiteren greift der Präsident erheblich in die Einschränkung der Meinungsfreiheit seiner Bürger ein, was sich beispielsweise zeigte, als er Studenten und Schüler verhaften ließ, da diese eine pro-palästinensische Haltung zeigten.

Wenn man nun in die USA zieht, beteiligt man sich an deren Wirtschaft und wird Teil des amerikanischen Systems, weshalb sich die Frage stellt, ob man somit Dinge unterstützt, die man eigentlich ablehnt. Darüber hinaus geht es in der Ethik häufig darum, Verantwortung zu übernehmen, weshalb ebenfalls die Frage aufkommt, ob man in gewisser Weise Mitverantwortung für solche unmoralische Vorfälle, durch seine Beteiligung am amerikanischen System, trägt.

Argumente für einen ethisch vertretbaren Umzug

Trotz der vielen Kritik gegenüber eines ethisch vertretbaren Umzugs in die USA, gibt es auch mehrere aussagekräftige Argumente die für eine moralische Vertretbarkeit stehen.

Zum einen haben Menschen das Recht auf Freizügigkeit, welches ihnen ermöglicht ihren Wohnsitz und Aufenthaltsort frei zu wählen, weshalb es den Menschen selbst überlassen werden muss, wo sie sich entscheiden niederzulassen und da die USA laut des Einwanderungsdienstleistungsunternehmen BOUNDLESS bessere Chancen auf Bildung und mehr berufliche Möglichkeiten bietet, sind die Vereinigten Staaten ein beliebtes Umzugsziel, das von den Menschen frei gewählt werden kann.

Des weiteren kann man anführen, dass Menschen die in den USA leben, sich aktiv für Menschenrechte und demokratische Werte einsetzen können, weshalb man durch die Einwanderung sich an bestimmten Maßnahmen wie Protesten gegen Menschenrechtsverletzungen engagieren kann und so die Gerechtigkeit, wenn auch nur mit einem kleinen Teil, fördert.

Außerdem ist es wichtig sich klar zu machen, dass zwischen dem Staat und den einzelnen Individuen unterschieden werden muss, denn nicht jede einzelne Person trägt die Verantwortung dafür, welche politischen Maßnahmen in ihrem Land ergriffen werden. Viele Menschen in den USA setzen sich beispielsweise regelmäßig für Freiheit, Gleichberechtigung und die Achtung der Menschenrechte ein. Es ist also wichtig zu beachten, dass man nicht immer unbedingt die selben Ansichten, wie die Politik in seinem Land, verfolgt. Das kann man auch bei uns in Deutschland erkennen, denn auch hier gibt es eine Vielzahl von Menschen, die in dem Land leben und trotzdem nicht mit der Politik zufrieden sind. Selbst ich persönlich stimme nicht immer den Ansichten unserer Politik zu und denke mir oftmals, dass ich bestimmte Dinge anders machen würde, weshalb man nicht pauschal behaupten kann, dass die Haltung der Bürger eines Volkes immer mit ihrer Regierung übereinstimmen müssen.

Bewertung aus Sicht der verschiedenen Ethiken

Es gibt nun mehrere Argumente, die für oder gegen einen ethisch vertretbaren Umzug in die USA sprechen, doch die schlussendliche moralische Bewertung eines Umzugs hängt stark davon ab, welche ethischen Kriterien man anlegt.

Aus Sicht der deontologischen Ethik, wäre ein Umzug unmoralisch, wenn Menschenrechte nicht geachtet, sondern Menschenrechtsverletzungen ignoriert, gerechtfertigt oder aktiv gefördert werden, beispielsweise durch die Diskriminierung von Migrant*innen und deren Minderwertigkeitsbetrachtung. Im Gegensatz dazu, wäre der Umzug jedoch ethisch zu rechtfertigen, sofern eine kritische Reflexion der dortigen Zustände erfolgt und die Menschenrechte als verpflichtend betrachtet werden. Dies setzt voraus, dass die eigenen Handlungen den Prinzipien des Respekts gegenüber allen Menschen und der Gerechtigkeit entsprechen. Ein Umzug ist also ethisch vertretbar, wenn er sich an die geltenden Regeln und Pflichten, in diesem Fall die Menschenrechte, hält.

Aus einer konsequentialistischen Perspektive aus betrachtet, ist der Umzug moralisch vertretbar, wenn die positiven sozialen und persönlichen Folgen überwiegen, beispielsweise wenn man dadurch selbst bessere Jobmöglichkeiten erhält und sich dort sozial, durch Proteste oder Hilfe von Bedürftigen, engagiert und man somit sich selbst und den anderen Menschen im Land mehr hilft als man sich oder anderen schadet (mehr Vorteile als Nachteile).

Auch aus Sicht der Tugendethik kann ein Umzug durchaus moralisch sein, wobei die Haltung und Absichten der Person zählen, weshalb es wichtig ist, dass man selbst eine Einstellung hat, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte positioniert. Wenn man nun auf seiner Einstellung beharrt und reflektiert und verantwortungsvoll handelt, handelt man moralisch richtig und macht somit einen Umzug in die USA ethisch vertretbar.

Abschließendes Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass ein Umzug in die USA nicht pauschal unmoralisch ist, denn unter gewissen Bedingungen kann er ethisch vertretbar sein. Dabei ist es jedoch insbesondere wichtig, dass man sich der dortigen Menschenrechtslage bewusst ist, man sich aktiv mit ihr auseinandersetzt und man nach dem Umzug weiterhin an seiner für einen selbst ethisch vertretbaren Haltung festhält und nach ihr handelt. Ich persönlich bin außerdem der Ansicht, dass die Politik in einem Land niemanden davon abhalten sollte, wichtige berufliche Chancen zu nutzen und seine Träume zu verwirklichen. Deshalb ist es durchaus wichtig die Aspekte, die einen moralischen Umzug voraussetzen, zu berücksichtigen aber davon nicht abbringen zu lassen, in die USA zu ziehen.

https://www.pflanzen-forschung-ethik.de/ethik/1498.ethik-moraltheorien.html Die drei Moralethiken

https://www.amnesty.de/aktuell/usa-alligator-alcatraz-krome-menschenrechtsverletzungen-amnesty-bericht Bericht Amnesty über Gefangene Migranten

https://de.wikipedia.org/wiki/Hyde_Amendment Definition Hyde Amendment

https://www.hrw.org/de/news/2025/04/28/usa-100-tage-trump-ein-angriff-auf-die-menschenrechte Liste mit 100 menschenrechtsverletzenden Maßnahmen Trumps

https://www.deutschlandfunk.de/executive-orders-wie-funktionieren-die-dekrete-des-praesidenten-und-welche-massnahmen-plant-trump-100.html Was sind Dekrete?

https://de.wikipedia.org/wiki/Dekret Definition Dekret

https://www.pflichtverteidiger.hamburg/faq/was-ist-ein-kapitalverbrechen/#:~:text=Als%2520Kapitalverbrechen%2520oder%2520Kapitaldelikte%2520bezeichnet,insbesondere%2520vollendete%2520und%2520versuchte%2520Tötungsdelikte. Was ist ein Kapitalverbrechen?

https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17842/menschenrechte Was sind überhaupt Menschenrechte?

https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17509/freizuegigkeit Recht auf Freizügigkeit (und somit Recht darauf Wohnsitz frei zu wählen)

https://www-boundless-com.translate.goog/research/why-people-immigrate-us/?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq Beweggründe in die USA (bessere Berufs- und Bildungschancen)

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