Was bedeutet uns Freundschaft?

So gut wie jeder pflegt zu verschiedenen Menschen Freundschaften, die sich aber in Art, Gelegenheit und Intensität stark unterscheiden. Dieser Essay beschäftigt sich mit den Freundschaftsdynamiken im Laufe des Älterwerdens und mit der Frage, welche Relevanz Freundschaften für uns haben.

Tatsächlich spielt Freundschaft in den Geisteswissenschaften erst seit wenigen Jahren eine größere Rolle. Aber was bedeutet „Freundschaft“ überhaupt? Allgemein spricht man von einer auf Gegenseitigkeit beruhenden Zuneigung zum Gegenüber, aber die Beweggründe dafür und das Verhältnis zueinander können sehr vielschichtig sein. Worauf gründen Freundschaften?

Vor allem in jungen Jahren, also im Kindergarten- und Grundschulalter sind es sehr stark gemeinsame Interessen und/oder Situationen, die einen verbinden, also z.B., dass man zusammen Fußball spielt. Freundschaften haben hier noch wenig emotionale Tiefe, es geht vor allem darum, einen Spielpartner zu haben. Dadurch können Freundschaften zwar schnell wieder beendet werden, es fällt Kindern aber auch leichter, neue zu schließen. Im Teenager- bis Erwachsenenalter ist das grundliegend verschieden.

Freundschaften bekommen einen dauerhaften, permanenten Anklang. Gemeinsame Interessen und ähnliches spielen zwar noch eine Rolle, aber die Gemeinsamkeit von Ansichten, also inneren Vorgängen, ist viel zentraler. Vor allem zu besseren/ längeren Freunden entwickelt man ein auf Gewohnheit, Vertrauen, und vor allem auch intensiven Austausch bauendes Verhältnis. Freunde sind kein „Gelegenheitskontakt“ mehr, sondern, ähnlich wie in einer Beziehung, ein Partner auf lange Sicht, mit dem man zwar auch schwierige Phasen durchläuft, an dem man aber trotzdem festhält. Allgemein spielen Freundschaften fürs Erwachsenwerden eine tragende Rolle. Durch sie identifizieren wir uns als Teil einer bestimmten Gruppe, zeigen durch sie ein Stück weit nach außen, wer wir sind bzw. wie wir wollen dass Menschen denken wie wir sind. Sie verschaffen uns eine beachtenswertere Stimme und tragen auch keinen unbedeutenden Teil dazu bei, welche Position wir in der „sozialen Ordnung“ haben. Sind wir Teil einer beliebten Gruppe oder einer Gruppe von Außenseitern? Sind wir womöglich in gar keiner Gruppe? Und in der Gruppe, welche Rolle nehmen wir dort ein? Die des „Kopfes“, der das Verhalten der anderen vorgibt und die Positionierung der Gruppe maßgeblich vorgibt, oder die derer, auf deren Kosten Witze gemacht werden, die „einfach dabei“ und im Notfall unwichtiger sind? Natürlich muss man sagen, dass solche überspitzten Formulierungen starke Vereinfachungen der Wirklichkeit darstellen und man keinen Menschen, sowohl innerhalb als auch außerhalb einer Gruppe einfach einen Stempel aufdrücken kann. Freundschaften sind dynamisch! Trotzdem stellt man sich im Jugendalter immer wieder solche Fragen, und das ist vollkommen normal.

Man hat das starke Bedürfnis, einer Form der Gemeinschaft anzugehören, mit der man sich identifizieren kann. Wenn im „Zugehörigkeitsraum“ die Dominanz der Familie langsam nachlässt, muss etwas neues diesen entstehenden Hohlraum füllen. Sprich: engere und vielfältigere Freundschaftsbeziehungen werden gebraucht. Sie legen letztendlich, neben anderen Faktoren, die Grundlage für ein gesundes Erwachsenwerden.

Es kann aber natürlich auch trotz dem Trend zur Bildung fester Freundeskreise zu starken Brüchen und Schwankungen im Jugendalter kommen, vielleicht gerade weil sich im Menschen so viel ändert.

Ob Freunde in dieser Veränderung ein Anker in komplizierten Zeiten sind, ein Veränderungsmitläufer, der durch die Verbindung ähnlichen Wandel durchläuft wie der Rest der Gruppe, oder sogar jemand, von dem man sich im Laufe der Veränderung immer weiter entfremdet, bis man am Schluss beim besten Willen keinen gemeinsamen Nenner mehr sieht und sich quasi „trennt“, bleibt offen. Das, denke ich, hängt zu stark von den individuellen Dynamiken der Freundschaft ab, auf welchen Faktoren sie gründet und wie sie sich entwickelt und bereits etabliert hat.

Macht ein tieferes Verständnis, eine besonderer Ähnlichkeit in Denk- und Fühlweise eine Freundschaft besonders? Ist es die Gewohnheit oder sogar Bequemlichkeit, die eine Freundschaft erhält? Ist es der Ehrgeiz, eine Sache gemeinsam durchzustehen oder eine Abhängigkeit, dass man ohne eine bestimmte Person oder ohne eine bestimmte Zugehörigkeit massive Schwierigkeiten hätte, sein Leben neu zu ordnen?

Wie dem auch sei kann man abschließend feststellen, dass die Funktion von Freundschaften sich je nach Alter und individueller Situation stark unterscheidet, sie aber trotz allem eine zentrale Rolle einnehmen, vor allem im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Ich hoffe dieser Essay regt manche dazu an, sich die Freundschaftsdynamik nochmal durch den Kopf gehen zu lassen.

Quelle (in ihrem Onlineformat): Heidbrink, Horst. Heidsite – Psychologie-Blog (25.03.2020). Psychologische Freundschaftsforschung. Ein Überblick*. Zugriff am: 27.10.2023. Verfügbar unter: https://www.heidsite.de/2020/03/25/psychologische-freundschaftsforschung-ein-ueberblick/

1 Kommentar

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Hallo flea,

ich stimme dir zu, dass Freundschaften ein wichtiges Element in der Entwicklung eines Menschen sind. Zum einen als „Gelegenheitskontakt“, aber auch als langfristige Freundschaften.
Aristoteles selbst hat dies auch schon früh erkannt. Er unterscheidet zwischen drei Arten der Freundschaft: Die Freundschaft des Nutzens, die der Lust und die vollkommende Freundschaft.
Die Freundschaft des Nutzens und die der Lust sind beide keine dauernden Freundschaften, wie bei dir der „Gelegenheitskontakt“. Die Freundschaft des Nutzens kommt meistens unter alten Menschen vor, um das Vorteilhafte zu tun. Die Freundschaft junger Menschen hingegen scheint eher auf Lust zu beruhen, da diese sprunghafter und spontaner sind, laut Aristoteles.
In diesem Zusammenhang ist die vollkommene Freundschaft die höchste Form der Freundschaft, welche langfristig ist. Hier sind die Tugenden jedes Einzelnen im Fokus und nicht der Nutzen oder die Lust. Deshalb spielt Selbstlosigkeit nach Aristoteles in einer vollkommenen Freundschaft eine große Rolle.

Ich wünsche mir, dass alle Menschen in ihrem Leben mindestens einmal eine vollkommene Freundschaft erleben können.

https://wwwhomes.uni-bielefeld.de/awitthus/ZusammenfassungA.pdf

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